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Waldwanderung

Ein Student kommt übers Wochenende nach Hause. Daran stimmt gleich mehreres nicht. Er fährt aus der WG in Leipzig in das Haus seiner Eltern. Er kommt nicht. Er fährt weg von dem Zimmer, in dem seine alten Kindermöbel stehen. Das Zimmer, wo er einen Teppich an die Wand gehängt hat, damit man den Schimmel nicht sieht. Wo er in zwei Wochen raus muss, weil er wieder keine Miete zahlen kann.

Jetzt steht er im Flur. Der Fernseher läuft im Wohnzimmer. Im Zug hatte er sich noch drauf gefreut, nach Hause zu kommen. Jetzt hält er es kaum aus in dem Haus, das sein Vater gebaut hat, als er so alt war, wie der Student jetzt ist. Oben ist jetzt ein Gästezimmer. Es riecht es nach frischgewaschener Bettwäsche. Der Duft war schon vor zwanzig Jahren der gleiche. Seinen Rucksack stellt er in die Ecke, wo früher der Computertisch stand. Er muss nochmal raus.



Als die Tür hinter ihm zufällt, tastet er nach dem Schlüssel. Die Treppe hat Papa neu gemacht. Aber die Tür und das Schloss sind die alten. Er schaut die zehn Stufen runter auf das Betonpflaster des Gartenwegs. Dann kommt ein Bordstein, dann das Betonpflaster der Straße. Früher hatte er sich vorgestellt, dass nach dem Bordstein die Wildnis beginnt. Aber Wildnis gibt es hier nicht. Die ist nur in Russland und in Kanada. Und er denkt daran, wie oft er als Kind seinen Schlüssel verloren hat.

Er geht los. Wie von allein, auf die alte Runde. An den Garagen entlang, durchs neue Dorf in den Wald, am Froschteich vorbei, durch den Grund bis raus auf die Felder und die alte Dorfstraße zurück nach Hause. Der Student ist in Gedanken. Wie immer.

 

Es gibt da diese Theorie. Über das Dasein und alles. Dass alles eine Spirale ist. Die Spiraltheorie. So würde es heißen, wenn sich jemand für den Namen interessiert. Eine Helix, wie bei der Erbmasse. Die gehn wir entlang, metaphorisch sozusagen. Nicht in Kreisen, von wegen Lebensrad oder so fernöstlich. Das kommt uns nur so vor. Weil auf jeder Umrundung alles wieder genauso aussieht, wie auf der letzten. Aber es ist doch anders. Eine Etage höher. Oder tiefer.

Und darum gehts. Ob du die Spirale nach oben oder nach unten gehst. Weil, du hast die ganze Zeit keine beschissene Ahnung, in welche Richtung du unterwegs bist. Es ist alles viel zu groß, um überhaupt irgendwas zu merken.

Da gibts welche, die alle paar Meter die Richtung wechseln, weil sie Schiss haben, dass die gerade die falsche ist. Die hoppeln dann so hin und her wie die Kaninchen. Ich meine, du hast gar keine andere Wahl, als die ganze Zeit stur in eine Richtung zu gehen. Und es hat ja nie jemand behauptet, dass sich der Weg nach oben nicht Scheiße anfühlen kann.

Und dann gibt es noch die andere Theorie. Die Kugeltheorie. Von wegen die ganze Welt eine Kugel. Also, nicht als Planet und so. Alles, im metaphorischen Sinne, alles eine totale Kugel. Da kannst du dann in jede Richtung gehen. Alles offen. Totale Freiheit und es ist an und für sich scheißegal, wo du hingehst und wo du herkommst. Weil du sowieso immer wieder an der selben Stelle rauskommst. Ich bin eher der Helix-Typ. Ich geh ja auch gerne zu Fuß.

 

Inzwischen kommt der Studen den Feldweg hinter den Garagen raus, die Abkürzung ins neue Dorf. Das hat hier eher Vorstadtrandcharakter. Mit alter Bausubstanz und zwei bankrotten Tankstellen. Er kommt am Dorfkiosk vorbei. Es ist kurz vor Acht, der Kiosk hat noch auf. Den macht ein Pärchen in seinem Alter. Der Typ sitzt in der Ecke und raucht, sie ordnet die Illustrierten und die Tittenhefte. Der getunte A4 auf der anderen Straßenseite ist bestimmt seiner.

Vielleicht war der Student mit den beiden an der Schule. Der Typ erinnert ihn an jemanden, der Markus hieß und ihm in der Sechsten mal mit Anlauf ins Kreuz gesprungen ist. Der war allerdings blond. Der Student beschließt, ihn in Gedanken trotzdem Markus zu nennen. Passt irgendwie. Markus und Moni. Wie im Film. Wieviel verdient man mit so einem Kiosk im Monat, wo sich die Alkis früh vor zehn die erste Palette Jägermeister holen?

Ein grün lackiertes Bord läuft an beiden Seiten der Hütte entlang. Da treffen sich jeden früh die Herren aus der Nachbarschaft. Sein Vater kennt sicher die meisten noch von der HO und aus der Wismut, vor der Wende. Die frühstücken jetzt bei Markus mit Jägermeister und Doppelkorn und nennen das Frühschoppen.

Der Student überlegt, ob noch Geld hat, um sich ein Bier mitzunehmen. Ihm fällt kaum auf, dass er Moni schon die ganze Zeit anstarrt. Markus schnippt seine Kippe durch das schmale Ladenfenster vor seine Füße.

"Was'n los, Homo?", fragt er. Der Student denkt wieder an die Schule, zieht die Schultern hoch und geht weiter. Ein Stück die Hauptstraße hoch geht zwischen neuen Eigenheimen ein kleiner Weg in die Felder. Er hat schon als Kind viel Zeit damit verbracht, den Wald zu suchen. Es gibt hier eigentlich nur Grünstreifen und Naherholungsgebiete. Forstwirtschaftlich genutzte Flächen zwischen Dorf, Eigenheimsiedlung und Autobahn.

 

Echte Wildnis muss anders sein. Jack London, Alaska, Klondike. Das war Wildnis. Ich kenn eine Geschichte, angeblich mit das Beste, was London so geschrieben hat, da geht ein junger Mann allein mit einem Hund in den Wald. Die Alten in der Kneipe sagen dem Greenhorn, das ist eine Scheißidee und saufen weiter. Irgendwo am Fluß bricht der Junge mit einem Fuß durchs Eis. Sein Stiefel ist nass. Er braucht schnell ein Feuer, um nicht zu erfrieren. Mit krasser Anstrengung schafft er es, in der arschkalten Wildnis ein paar Zweige anzuzünden. Und als er sich grad hinsetzt, um den halb erfrorenen Fuß aufzuwärmen, taut die Wärme den Schnee oben auf den Ästen. Die ganze Ladung klatscht runter auf das Lagerfeuer. Da geht der Hund alleine weiter.

Das ist ein Wald. Groß, weiß, unerbittlich. Wie Moby Dick. Noch so eine Geschichte. Ich hab ja beide nicht gelesen. Nur Tolkien. Da gibt es auch viel Wald. Aber es ist halt nicht die richtige, große Literatur.

 

Schon ist er wieder traurig. Jetzt wird der Student darüber nachdenken, was er alles nicht gelesen hat und dass er das Versäumte nie im Leben aufholen kann. Das kommt unweigerlich an dieser Stelle. Der Student will selbst ein großer Künstler werden. Er traut sich nur nicht, anzufangen. Darum studiert er irgendwas und grübelt mit knapp dreißig melancholisch über verpasste Chancen.

Grad denkt er an das eine Lied von Neil Young. I'm the ocean auf dem Mirrorball-Album. Dazu hat er mit Fünfzehn in der Küche geweint. Das Albun hat er auf dem Telefon und ausnahmsweise sogar die Kopfhörer mit. Es passt zu Moby Dick und er fragt sich, ob man im Wald ertrinken kann, wie in einem Ozean. Bei der ersten Strophe kriegt er jedes Mal Gänsehaut.

 

Hey ho, away we go

we're on the road to never.

Where lifes a joy for girls and boys

and only's getting better.

 

Nur dass der Text, an den er sich mit solcher Intensität erinnert, gar nicht aus seinem Lieblingslied ist. I'm the ocean ist der dritte oder vierte Titel auf dem Album. Die Textzeile mit Hey ho kommt bei Song X, im ersten Lied, gleich ganz am Anfang. Dafür, dass er meint, dieses Album hätte sein Leben verändert, sollte er das wissen. In dem Song kippt die Gitarre von Stone Gossard perfekt am sauberen Ton vorbei. Und da ist dann auch die richtige Strophe für die Waldrunde am Abend.

 

On the long green

see the rider in the night

see the chieftain

see the braves in cool moonlight

 

who will love them

when they tremble from the ...

 

"From the knive"? Oder "From the night"? Hab das nie genau verstanden. Ich hab mal ein Interview gelesen, wo ein Journalist Neil Young ausfragt, was der Text von I'm the ocean bedeutet. Ob es um einen Toten geht, der seine Familie aus dem Jenseits anspricht. Oder ob nur einer träumt, er wäre tot. Und Neil antwortet so ein Künstlerding. Von wegen anfangen und fließen lassen und dann macht machst du einfach weiter. Und die Sache führt dich selbst vorwärts, egal wohin.

Ich muss endlich auch mal was schreiben. Neil weiß doch selber nicht, was seine Texte bedeuten. Fuck! Mir ist aber nicht egal, wo die Sache hinführt. Wenigstens die Kohle fürs WG-Zimmer muss doch irgendwie zu machen sein. In einer Woche muss ich raus. Inzwischen fehlen schon über Fünfhundert, zusätzlich zu dem, was ich mir sonst noch geliehen hab. Das schaff ich nie mit dem bisschen, was ich als Online-Werbetexter verdiene. Aber ein Mister Young schreibt, wann er will was er will. "Du musst aufhören, Dinge zu tun, die für dich nicht gut sind. Das beschädigt die Kreativität." Fuck you, Mister. Mietrückstände beschädigen die Scheißkreativität.

 

Am Strommast macht der Weg eine Kurve und führt nach unten, in den sumpfigen Grund. Man könnte hier gradeaus weiter gehen, aber die Runde geht nach rechts. Über eine Betonbrücke kommt er auf einen schlammigen Pfad zwischen dem Bach, der dem Grund seinen Namen gibt, und dem Froschteich, wo er nie einen Frosch gesehen hat. Es ist schon fast dunkel, die Luft ist kalt und klamm. Er hat erst ein Viertel der Runde hinter sich, aber schon Lust, wieder zu Hause zu sein.

Auf der anderen Seite des Teiches ist ein Unterstand für Wanderer. Dort steht ein Zwerg mit einer Ziege. Er spricht lautstark in sein Handy. Der Zwerg hat einen türkischen Akzent und erinnert den Studenten an einen Dönermann. Einer von den Erfolgreichen, mit Angestellten und Benz im Hof, die hinten im Laden sitzen und mit Freunden in schwarzen Lederjacken Tee trinken.

"Das du kannst so nicht machen!", brüllt er in sein I-Phone. "Das hast du nicht durchgerechnet von vorn bis hinten. Hast du noch nicht ein einzige Kunde Stamm! Wie hoch sind die Betriebskosten mit drei Wagen, he? Kannst du mir antworten auf so eine einfache Frage?" Die Ziege ist weiß mit braunen Flecken. Sie sucht Grashalme neben dem schlammigen Weg. Auf dem Rücken trägt sie ein Geschirr mit zwei Satteltaschen.

"Bist du komplett bescheuert, oder was? Rechnest die Betriebskosten runter, rauf, runter wie dir gerade passt!" Der Zwerg wird lauter und sieht hin und wieder zum Studenten rüber, mit diesem Blick, der fragt, wie jemand so blöd sein kann. Der Student nickt verständnisvoll und hört gleich wieder damit auf. Er hasst es, wenn ihm sowas passiert. Während der Zwerg telefoniert, starrt der Student auf sein Polohemd. Es ist ein schickes Lacoste. Teuer, aber irgendwas daran ist komisch.

"Ich komme jetzt rüber", ruft der Zwerg. "Ich muss mir das selber ansehen. Nein, jetzt sofort." Da kommt der Student endlich drauf. Unter dem Krokodil steht "Lactose". Eigentlich ist an einem gefälschten Markenhemd nichts Gefährliches dran. Doch der Student will nur noch ganz schnell weiter gehen. Der Zwerg hält ihn mit einer Handbewegung zurück, ohne ihn anzusehen. Seinem Gesprächspartner ruft er noch einige derbe Worte hinterher, dann schiebt er sein I-Phone in die Tasche.

"Ich muss kurz weg. Du passt einen Augenblick auf, ja?" Damit drückte er dem Studenten den Strick der Ziege in die Hand. "Ich bitte dich. Hier hast du. Zehn Euro ist genug? Nicht? Hier sind Fünfzehn." Er drückt dem Studenten zwei zerknitterte Geldscheine in die Hand, lächelt breit und klopft ihm auf die Schultern. Trotz des Größenunterschieds ist nichts Lustiges daran. Dann lässt ihn der Zwerg mit der Ziege im Wald stehen.

Es ist inzwischen richtig dunkel. Der Handyakku ist schon eine Zeit lang tot, aber es muss weit nach neun sein. Der Student hat keine Lust mehr, noch länger den Gnom zu warten. Aber er hat versprochen, auf die Ziege aufzupassen. Und fünfzehn Euro dafür genommen.

 

Fünfzehn Euro für eine Stunde sind ok. Aber alles über eine anderthalbe Stunde ist nicht mehr anständig. Wie lange hockt ich schon hier? Was würde Neil Young jetzt machen? Klar, er würde einen Song drüber schreiben. Aber ich habe keine Stift dabei.

Neill ist bestimmt nie nachts durch den Wald gelaufen und hat sich von jedem bequatschen lassen. Sicher hat er dauernd mit anderen Musikern rumgesessen und über Musik und so Zeug geredet. Jede Minute genutzt, um er selbst zu werden. Nächste Woche muss ich aus der WG raus. Vielleicht finde ich bis dahin eine Künstler-Kommune oder sowas, wo ich bis nachts um drei über Literatur reden kann? Bis die merken, dass ich von dem großen Zeug fast nichts gelesen habe. Scheiße. Aber immerhin, fünfzehn Euro easy verdient. Das so zehn oder fünfzehn Mal im Monat, wäre schon eine Lösung.

 

Das ist natürlich Blödsinn. Die anderthalb Stunden sind mit Sicherheit schon lange rum. Der Student hat nicht vor, dem Zwerg seine Überstunden zu schenken. Zeit, zu gehen, denkt er sich. Die blöde Ziege kann er auch an den Baum binden. Nur, was ist mit den Satteltaschen. Am Ende wird was geklaut? Ein bisschen neugierig ist er auch.

In der Rechten sind zwei eingeschweißte Päckchen mit falschen Lacoste-Hemden, Größe M. In der linken liegt ein muffiges Handtuch, eine Papiertüte mit halbleeren Tablettenpackungen und eine edle, mattgraue Pappschachtel. Es ist eine Uhrenschachtel. Drin liegt mit Zertifikat und Rechnung eine Tag Heuer Carrera Gold. Handaufzug, fünfundzwanzig Steine, achtundvierzig Stunden Gangreserve. Es gibt Uhren, die viel teurer sind. Aber die goldene Tag Heuer ist für den Studenten jenseits von allem, was er sich vorstellen kann. Er muss nicht mal auf die Rechnung sehen, um das zu wissen. Erst vor einem Monat hatte er über textbroker.de für das Uhrensegment eines Luxus-Onlineshops beschrieben: Für so dreißig bis vierzig Euro am Tag. Auch nicht der richtige Weg.

Etwas so Wertvolles kann er unmöglich einfach so hier im Wald lassen. Der Zwerg muss einen amtlichen Dachschaden haben. Was soll er anderes machen? Der Student sieht sich nochmal um: Niemand zu sehen. Also steckt er die Uhr in die Tasche und legt die leere Schachte zurück. Jetzt will er nur noch nach Hause.

Er geht auf der anderen Seite des Froschteichs über die kleine Brücke, rechts das Tal entlang, immer an dem anderen Bach entlang. Nach einer halben Stunde müsste irgendwann die Quelle kommen. Er geht über weiche Tannennadeln. Eigentlich ist es ganz schön. Aber der Weg dauert länger, als er in Erinnerung hat. Der Wald fühlt sich zu groß an.

Das ist wohl so, abends im Wald. Und irgendwann ist sie doch da, die kleine, von Steinen eingefasste Quelle und davor die Holzbrücke über den Bach, über den man auch springen kann. Aus der Quelle darf man nicht trinken. Quecksilber oder Blei oder was auch immer. Der Student freut sich drauf, bald aus dem nassen Wald raus zu sein. Dann geht die Runde quer über die Felder weiter bis ins alte Dorf.

Dort läuft er die lange, ausgestorbene Straße runter und dann auf der anderen Seite wieder rauf. Alle Fenster sind dunkel, aber viele noch fernsehbeleuchtet. Außer ihm ist kein Mensch draußen. Am Ende der Dorfstraße geht er an der Kreuzung über die Hauptstraße, weiter am Sportplatz vorbei. Von hier sind es nur noch ein paar Schritte bis nach Hause, zum Haus seiner Eltern, zu dem Zimmer, das nach frischer Bettwäsche und Mamas Waschmittel riecht.

Rechts geht der Weg ab, den er vorhin gegangen ist. An den Garagen vorbei, durchs neue Dorf in den Wald. Die alte Runde, gefühlt schon tausendmal gegangen. Es ist vielleicht elf. Solange hat er noch nie gebraucht, auch wenn er die ganze Zeit abzieht, die er bei der Ziege gehockt hat. Er denkt an den Fernseher im Wohnzimmer. Und an die goldene Tag Heuer in seiner Tasche.

Er geht nach rechts, an den Garagen vorbei. Wenn man zweimal am Tag den selben Weg geht, ist das dann die gleiche Wanderung oder die selbe oder eine ganz andere?

 

Das hängt von der Perspektive ab, denkt der Student. Ich scheiß auf die Perspektive. Ich will die Drecksuhr loswerden. Und dann nach Hause. Vielleicht ist noch heißes Wasser da. Papa mag es nicht, wenn man nachts noch in die Badewanne geht, weil er immer früh badet. Aber ich bin sicher, dass der Boiler das packt. Inzwischen ist der Zwerg vielleicht zurück. Wieso hab ich auf die verfluchte Ziege aufgepasst?

Dort ist der Kiosk, die haben immer noch offen. Jetzt hätte ich echt gern ein Bier und auch Geld in der Tasche. Markus schließt aber grade ab. Moni ist wohl schon los. Nun macht Markus also auch Feierabend. Er geht dann heim, in seine prollige Einliegerwohnung mit Playstation und Wasserbett und parkt seinen A4 im neuen Carport. Moni wartet auf ihn in den schwarzen Strapsen, die er ihr zu Weihnachten geschenkt hat. Nein, nie im Leben würde ich mit Markus tauschen.

 

Markus sieht dem Studenten mitten ins Gesicht, lange und ohne zu blinzeln. Da steht etwas geschrieben, aber der Student kennt die Sprache nicht. Er erschrickt ein bisschen. Er denkt an die Uhr in seiner Tasche. Sicher kennt Markus Leute, die sowas kaufen würden. Mindestens vier Monate WG-Miete wären das. Mindestens. Kann man eine goldene Uhr eigentlich einfach so zu zum Pfandleiher bringen? Schon wieder überlegt er, wieviel Umsatz Markus wohl an einem Tag hat, in einem Monat. Für eine goldene Uhr reicht das nicht. Aber für die Raten für den A4 und das bisschen Miete sicher.

Erst wenn die letzten Häuser weit weg sind, wird es wirklich dunkel. Alles wird größer in der Nacht, das weiß jeder. Kurz fragt sich der Student, ob es am nächsten Tag auch wieder kleiner wird.

Mit den Fingern streicht er über die langen Roggenhalme. Oder ist das Weizen? Er hat das Bedürfnis, etwas Gewöhnliches anzufassen. Die Grannen stechen in seine Finger und halten fest. Hinter ihm ist ein Licht. Eine Taschenlampe. Kein Autoscheinwerfer und auch keine Lampe aus einem der Häuser, bei denen das Badfenster hinten zum Feld rausgeht. Jemand läuft mit einer Taschenlampe da lang, wo er gerade hergekommen ist.

Er deht sich nochmal um. Das Licht ist weg. Schneller geht er am Rand des Grabens, der sich langsam nach unten zieht. Ab und zu taucht das Licht wieder auf. Es dauert lang, bis der Strommast wie ein stählerner Wachturm aus dem Dunkel wächst.

 

On the long plain

see the rider in the night

 

Schade, dass der Akku leer ist. Der Student wäre gerne mehr so, wie der "rider in the night". Der hätte keinen Schiss vor einer Taschenlampe. Er nimmt die Abkürzung über den Hang. Der Weg macht hier einen Bogen. Den Hang runter geht es schneller. Wird Zeit, das Ganze endlich hinter sich zu bringen.

Das Gras ist hoch. Schnee fällt. Ist jetzt Zeit für Schnee? Durch die langen Halme, zwischen denen sich gedrungene, stachlige Büsche verstecken, kommt er nur langsam vorwärts. Das Gras ist pitschnass vom Schnee, der schmilzt, sobald er den Boden berührt. Die Abkürzung war doch eine dumme Idee. Das Licht der Taschenlampe ist weg.

Im Tal liegt der Schnee schon richtig tief. Er knirscht bei jedem Schritt. Die Kälte kriecht nasse Hosenbeine hoch. Kurz denkt er an Jack London. Wenn er schnell läuft, bleiben die Füße warm. Und wenn er richtig schnell ist, schafft er die Runde in einer guten Stunde. Zumindest erinnert er sich daran, dass es früher so war. Am Froschteich ist er kaum außer Atem. Die Trekkingschuhe klatschen ihr Profil in den Schlamm.

Gleich kommt der Unterstand. Er stellt sich vor, wie der Zwerg dort auf ihn wartet. Wie er ihm die Uhr zurückgibt, auf die er aufgepasst hat. Dann will er die Runde zu Ende gehen, immer auf die heiße Badewanne zu. Er überlegt noch, dass es echt gut war, herzufahren, weil im unsanierten Altbau in Leipzig keine Badewanne ist. Er glaubt das tatsächlich.

Aber der Zwerg ist nicht da. Die Ziege auch nicht. An dem Baum, wo er sie angebunden hat, hängt das abgerissene Ende des Stricks. Da steht der Student und starrt auf die Schnur. Nun ist er doch außer Atem.

"Sieht aus, als wärst du im Arsch," sagt eine Stimme neben ihm. So ganz selbstverständlich sagt sie dann noch: "Du gehörst wohl nicht hierher, heh?" Das heh sagt der Typ mit einem scharfen eh, statt äh, als versuchte er, einen bestimmten Akzent nachzumachen. Er hat eine knallenge Jeans an. So eine aus richtigem Jeansstoff, ohne Stretch. Er trägt ein dunkles, längsgestreiftes Hemd, eine violette Seidenweste und eine Fliege. Auf dem kahlrasierten Kopf sitzt eine Schiebermütze, die seinen massigen Hals besonders schön zur Geltung bringt. Aus der Tasche hängt eine goldene Uhrenkette. Die rechte Hand schmückt ein Schlagring aus Messing.

Unbeteilig, selbstbewusst will der Student antworten: "Und du gehörst wohl hierher?", und cool weiter gehen. So stellt er sich vor, wie man das in so einem Moment machen muss. Aber seine Beine zittern. Den Satz verschluckt er beim ersten Wort. Er traut sich, ein paar Schritte zu gehen. Der Typ geht mit. Ein anderer kommt von der Seite. Sie nehmen ihn in die Mitte. Der Zweite ist ähnlich gekleidet, trägt aber einen runden Filzhut. Würde der Student sich trauen, ihn genauer anzusehen, wüsste er, dass sie Zwillinge sind. Zu dritt wandern sie den Waldweg entlang, den er als Kind immer mit seiner Oma gegangen ist, um Tiere in freier Wildbahn zu beobachten.

"Ich hab nur drauf aufgepasst," erklärt der Student. Offenheit ist gut, so lässt sich bestimmt alles in Ordnung bringen.

"Oho, er hat aufgepasst." Das sagt der mit der Mütze.

"Aufgepasst, was?", gibt der mit dem Hut zurück. Er trägt schwarze Handschuhe, die nicht warm aussehen.

"Man kann sowas doch nicht einfach im Wald lassen. Und ich musste wirklich weiter. Ich kann doch nicht dauernd auf die Ziege aufpassen, wenn der Besitzer nicht wiederkommt."

Die Zwillinge sehen sich an und Mütze fragt: "Verstehst du, was der Kleine von uns will?"

"Absolut nicht," gibt Melone zurück. "Ich hab das Gefühl, da macht sich einer über uns lustig."

Das Gespräch nimmt eine Wendung, die so sicherlich beabsichtigt war.

"Ich wollte sie zurückbringen! Die Carrera Gold, ich bin hier, um sie zurückzubringen!" Dem Studenten kommen fast die Tränen, während sich Mütze und Melone die Lippen lecken. Sie sind aufmerksam geworden.

"Gold, heh? Carrera, was? Zeig her, hopp!"

Mit fiebrigen Fingern sucht der Student die Uhr in der Tasche. Sie ist weg. Wie der Zwerg, wie die Ziege. Wie der Haustürschlüssel früher einfach weg war, ist jetzt die Uhr verschwunden. Einfach so, und es ist eigentlich unmöglich. Die Zwillingen warten. Melone steht ein bisschen näher, als sich normal anfühlt, und beißt sich auf die Lippen. Er wartet nicht gern.

"Sie ist weg. Ich muss sie irgendwo auf dem Weg verloren haben. Scheiße."

"Der will uns verarschen, der kleine Süße. Er ist doch ein Süßer, oder?"

Der Student weiß nicht, welcher das gesagt hat. Er starrt auf seine Füße und überlegt, wie er hier rauskommt. Er traut sich nicht einmal zu, einem von ihnen wirkungsvoll zwischen die Beine zu treten. Und dann wäre immer noch der andere da, mit Oberarmen, die das hässliche Hemd knalleng ausfüllen. Ob er einfach laufen sollte? Da ertönt im Wald ein Geräusch wie von einem Sylvesterknaller. Die Zwillinge sehen sich an. Sie ärgern sich. Aber sie wissen, dass sie ihre Chance verpasst haben.

"Sieh mal einer an. Wir sehen uns, Süßer. Schneller, als du denkst", flüstert Mütze und tippt ihm hart gegen die Brust. Melone schaut den Studenten lange an und prägt sich sein Gesicht genau ein. Dann laufen die Zwillinge ohne Eile den Weg zurück, den sie gekommen sind. Dem Studenten ist übel. Vom Schiss und von der Kälte. Es ist eisig geworden. Er schlägt sich auf die Arme. Die Jacke ist viel zu dünn. Warum ist es so kalt und warum hat er sich nicht richtig angezogen? Er muss weiter, weg von diesen Verrückten.

Auf der Holzbrücke bei der Quelle sitzt eine Waldläuferin. Sie hat ihre gefütterten Stiefel und die dicken Thermosocken ausgezogen und lässt die Füße ins Wasser hängen. Sie ist schön. Sie schaut in seine Richtung, als hätte sie erwartet, dass jemand kommt. Der Student weiß nicht warum, aber er ist sich ganz sicher, dass sie die Zwillinge verscheucht hat. Er setzt sich neben sie. Sie sieht ihn nicht an. Da zieht er seine Schuhe aus und lässt die Füße ins Wasser hängen. Die Kälte beißt ihn wie ein wildes Tier.

Nach einer Weile legt sie ihren Kopf an seine Schulter. Das ist das Beste auf der Welt. Seine Füße sind heiß, nicht kalt. Er hält das noch sehr lange aus.

Nach noch einer Weile fragt sie: "Was willst du eigentlich hier?"

Ihr Kopf liegt immer noch an seiner Schulter. Er muss nicht erst fragen, um zu wissen, wie sie das meint. Eine Antwort hat er auch nicht. Er ist eben hier. Als sie aufsteht, sieht er, wie gut sie bewaffnet ist.

"Du bist schön," sagt er. Weil er etwas sagen will, weil er nicht will, dass sie schon geht, und weil sie schön ist. Sie sieht ihn an, überrascht, und glaubt ihm nicht. Einen nackten Fuß stellt sie auf das Geländer, vor sein Gesicht. Es fehlen drei Zehen, abgefroren, nur schwarze Stümpfe sind noch da.

"Schön, nicht?" Sie wartet keine Antwort ab, zieht sich an und geht auf das Dickicht zu. Bevor sie im weiß verschneiten Unterholz verschwindet, dreht sie sich noch einmal um.

"Halt dich vom Sägewerk fern! Und vom Roadhouse. Von da ganz besonders!" Dann taucht sie in den Wald ein.

Seine Füße sind eiskalt. Als er sich wieder anziehen will, findet er nur einen Schuh. Er sucht überall. Es ist nur noch der Linke da. Unter der Brücke, auf dem Weg, keine Spur. Die Schuhe waren ein Geschenk von seiner Schwester und seiner Oma zu Weihnachten. Endlich mal richtig gute Trekkingschuhe, die mehr als ein Jahr halten. Er will nach Hause. Schnell. Die Zehen werden schon taub. Er fragt sich, wie lange ein Mensch das aushalten kann und erschrickt, weil sich die Frage ganz ernst anhört.

Irgendwo da oben ist der Wald zu Ende. Irgendwo hinter den Feldern ist das Dorf. Der frische Schnee erhellt die Nacht ausreichend, um den Weg zu erkennen. Zum ersten Mal spürt er, wie weit oben er hier ist. Als er auf die Felder tritt, hat er das Gefühl, wenn er sich umdreht, sieht er die Lichter des Dorfes und dahinter die Stadt zu seinen Füßen ausgebreitet, vielleicht sogar das ganze Land bis nach Leipzig. Dabei denkt er an seine Füße und es tut wieder alles weh.

Auf dem Weg zwischen den Feldern zieht er immer den einen Schuh aus, weil es sich doof anfühlt, mit nur einem Schuh. Dann zieht er ihn gleich wieder an, weil so beide Füße eiskalt sind und schweinig weh tun. Er versucht, den einen Schuh mal auf der einen und mal auf der anderen Seite zu tragen, aber davon bekommt er einen bösen Krampf. Ein paar Minuten hat er Angst, dass er nicht mehr laufen kann und hier im Schnee sitzen muss, bis ihn jemand findet. Aber der Krampf geht weg und macht Platz für ein taubes Gefühl. Das kann nicht gut sein, aber laufen kann er.

Müsste nicht bald die Sonne aufgehen? Sicher ist schon eine Nacht vergangen, seit er unterwegs ist. Vielleicht noch mehr? Es ist noch Nacht, als in der Ferne der erste Hof auftaucht. Irgendwann steht er in einer Schneewehe, vor einem Zaun, über den er mit Mühe klettern kann. Er hofft noch, dass kein Hund kommt, aber ehrlich gesagt ist es ihm egal. Er braucht etwas für seine erfrierenden Füße.

Im Obstgarten steht wackliger Geräteschuppen mit einem morschen Schloss. Bauern haben überall Stiefel stehen. Er weiß nicht genau, woher er das weiß. Er leiht sich ein Paar aus, das neben rostigen Werkzeugen von Spinnenweben überzogen unter einem Regal steht. Die staubigen Stiefel sind aus hartem Filz, viel zu groß, und fühlen sich wunderbar an.

Der Rest ist nur noch Weg. Die alte Dorfstraße, runter und wieder rauf, zieht sich endlos. Aber sie ist nur ein Weg. Er marschiert in den gestohlenen, zu großen Filzstiefeln durch ein zu großes Dorf. Die Fernseher sind aus.

Es mag Mitternacht sein, als er an die Kreuzung mit der Hauptstraße kommt, oder kurz vor der Dämmerung. Er geht am Sportplatz vorbei. Nach dem weiten Weg sind die Füße in den Stiefeln warm geworden. Er ist wieder am Anfang der Runde. Es sind weniger als zwei Minuten bis zum Haus seiner Eltern. Für die Badewanne ist es wohl zu spät.

 

Wenn ich die Uhr auf dem Weg verloren habe, dann ganz sicher bei der Abkürzung über den Hang. Meine Spuren müssten im Schnee gut zu erkennen sein. Rechts geht der Weg ab, an den Garagen vorbei, durchs neue Dorf, in den Wald. Irgendwo dort liegt sie jetzt, eine sauteure Tag Heuer Carrera Gold. Und irgendwo wandert eine Waldläuferin mit sieben Zehen durch den Schnee. Scheiße, was solls. Es wird ja bald hell.

 

Der Student geht den Weg an den Garagen vorbei. Außer Markus Kiosk gibt es im neuen Dorf eigentlich nichts, was nicht schon vor Jahren geschlossen wurde. Es gab mal zwei Tankstellen und einen Laden neben der Freiwilligen Feuerwehr. Die letzte Tanke hat dichtgemacht, als der Student nach Leipzig ging.

Jetzt ist dort Licht. In den Fenstern leuchtet so billiger Weihnachtsschmuck, für den sein Lieblingslehrer mal den Begriff Blinkerkreise geprägt hat. Der Student denkt kurz an den Lehrer, von dem er viel über den Wald gelernt hat. Über Sukzession und dass man nur lang genug die Finger von den Dingen lassen muss, dann werden sie wieder wild. Der Wald wartet eine Handbreit unter der Erde. Selbst da, wo er in den Tagebaulöchern ersäuft. Und in der Stadt, wo immer das Licht brennt. Irgendwann gehen die Lichter aus. Dann kriechen Moos und Schimmel über die Bagger und Einkaufszentren. Und der Wald ist immer da.

 

Die Tür zur Tankstelle ist vergittert. Zwischen dem Weihnachtsschmuck und einer pinken Hello-Kitty-Figur leuchtet ein roter Schriftzug: Roadhouse. Der Student will wenigstens mal durch das Fenster sehen.

Es ist soweit: Nach mehr als zehn Jahren ist die Erzählwerkstatt fertig!

Und sie ist wunderschön geworden.

 

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