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Ich hasse das - jemand anders hasst was anderes

Ich habe gerade diesen Beitrag überflogen und mich herzlich darüber geärgert.

 

Diesen Ärger versuche ich jetzt in Worte zu fassen. 

 

Der Autor stellt zwei Haltungen gegenüber: Konservativ und liberal. Das tut er auf eine ironisch witzige, geistreiche Art und Weise. Doch der Beitrag brockt sich dabei eine Suppe ein, die der Autor auch mit seinem geliebten Urlöffel nicht auslöffeln kann.

 

Ich bin kein Historiker oder anderweitig vom Fach und finde doch auf Anhieb hinter beiden Begriffen sehr viel mehr, als der Artikel auch nur andeutet. Das ist insofern ein Problem, als der Artikel klar zwei Haltungen und ihre Vertreter gegenüberstellt. Wäre eigentlich nicht so dramatisch. Aber dabei kommen die Liberalen hier mit lauter positiv besetzten Zuschreibungen weg. Die Konservativen werden witzelnd als rückwärtsgewand und angstgetrieben abgeschrieben. Oder mit dem Kleinkind gleichgesetzt, dessen Sorgen nur verständlich sind, weil es eben noch nicht soviel vom Leben begriffen hat, wie die Großen, Erfahrenen, die dann selbstverständlich liberal werden. Ja nee, ist klar. Ganz tumb gesagt hat der Autor es geschafft, pauschal die Einen zu den Guten und Klugen und die Anderen zu den Bösen und Dummen zu erklären. Er sagt es nicht so, es passiert aber. Diese Wirkung ist absehbar und sofern entweder intendiert oder grob fahrlässig.
Autsch. Das funktioniert nicht. Nie. Nie haben die Einen die Weisheit komplett mit Löffeln gefressen und die Anderen komplett nicht verstanden, wie der falsche Hase läuft. Wer sich auf so eine Sichtweise einlässt, debattiert auf vorpubertärer Ebene. Mein Sohn ist 10 und weiß genau, dass nie die Einen ganz richtig und die Anderen ganz falsch liegen. Zugegeben, er hat auch von den Besten gelernt. Von seinen Eltern gelernt. Die liegen im Denken und Handeln alle beide ständig schief und können daher mittlerweile auch erwachsen damit umgehen.
Jetzt konkret zum Thema Veränderung. Was der Autor hier vorsetzt, ist schlicht und außerdem schlichter Unfug. Seit wann stemmen sich Konservative gegen Veränderung? Ich wage zu behaupten, dass auch einige AfD-Wähler schonmal mit Essstäbchen oder zumindest Döner gegessen haben. Und Smartphones benutzen. OK, das Bild war ironisch zugespitzt. Aber anspitzen reicht nicht. Ein Kommentar zu diesem Thema in dieser Zeit und diesem Medium sollte auch mit Bedacht zielen. Sonst trifft die Spitze nicht ins Schwarze, sondern in empfindliche Stellen von Menschen, die das zurecht auf die Palme bringt. Und das bringt uns alle nicht weiter sondern nur noch weiter auseinander. Oder bin ich jetzt zu konservativ, nur weil ich es nicht schätze, Haltungen die ich an mir und anderen aus aufzählbaren Gründen schätze (siehe weiter unten), als kindische, alberne und unterentwickelte Furchtsamkeit erklärt zu bekommen?

Ich behandle die Menschen wie egoistische kleine Lümmel, wenn ich mir wünsche, dass sie sich vor der nächsten Veränderung kurz Gedanken machen, was die wohl für Folgen hat? Nein, ich spreche nicht von der Grenzöffnung. Ich gehöre zu den Wenige, die sich durchaus vorstellen können, dass hinter dieser Entscheidung auch das Abwägen von Werten und eine bewusste Entscheidung gestanden haben könnte. Naja, eine differenzierte Äußerung dazu wäre hilfreich gewesen. Aber es war sicher nicht nur inkompetent-lustvolles Experimentieren, getrieben einzig von der Angst davor, einen Karton zuzumachen, wo wir doch grade alle den Ausblick so genießen. Den moralisch versilberten Seitenhieb auf die Fremden mit den Schöpfkellen hätte sich der Autor wenigstens bei mir also sparen können. Es sind doch solche halbgaren, intellektuellen Spielchen, die Leuten wie Herrn Gauland Auftrieb geben, weil sie Menschen verprellen und verunglimpfen, die sich danach nicht die Mühe machen, im lässigen Veräppeln ihrer Werte einen Anlass zum Gespräch zu erkennen. Viele ärgern sich eben nur, dann nochmal und dann wieder und dann wählen irgendwann schlimme Dinge. Anderes Thema. Ärgert mich auch massiv. Will ich aber hier nicht weiter verfolgen.

Ich verstehe konservativ als eine Haltung, der es in erster Linie darum geht, Wertvolles zu erhalten und nicht dem Fortschritt um jeden Preis oder der Lust nach irgendwas Neuem zu opfern. Darum wird eine anstehende Veränderung geprüft und mit Bedacht umgesetzt, oder eben auch nicht. Und es werden Mechanismen und Strukturen geschaffen, die dazu dienen, solches Prüfen und Entscheiden entspannt und unangestrengt passieren zu lassen. Dass dabei leicht Verhärtung, Selbstgerechtigkeit und Erstarrung entsteht, liegt in der Natur der Beteiligten. Aber das hat nichts mit konservativ an sich zu tun. Nur mit menschlicher Unvollkommenheit. Über die können wir sehr gern länger reden. Solche Gespräche kann es gar nicht genug geben.

Und der Liberale? Der betrachtet doch eigentlich nur die Sache von der anderen Seite her, oder? Mit Neugier, Spannung, Aufbruchslust. Und da wird schonmal etwas aufgegeben und weggeworfen, das sich ja eigentlich bewährt hatte und vielleicht sogar vielen doll am Herzen liegt, aus purer Lust, herauszufinden, was wohl hinter dem Horizont liegt. Auch hier ist nicht zwingend gesagt, dass die Reise zum Ende des Regenbogens führt. Oft genug findet sich der enthusiastisch Aufgebrochene verirrt in der Wüste und hofft, dass jemand kommt, der weiß, wo es nach Hause geht.

Ich finde, das ist beides nicht schlimm. Schlimm wird es erst, wenn es sich mit einigen anderen, menschlichen Dummheiten mischt. Vor allem mit der Überzeugung, grundsätzlich Recht zu haben. 

Kurz gesagt: Konservativ ist, erstmal zu überlegen und im Zweifelsfall lieber auf das Bewährte zu setzen. Liberal ist die Lust am Ausprobieren und die Bereitschaft, mit der Möglichkeit des Scheiterns hinterher umzugehen. Ohne den Liberalen wird der Konservative seltener blaue oder anderweitig aufregende und fantastische Wunder erleben, zu neuen Ufern aufbrechen oder sich auf nie gedachte Gedanken einlassen. Seltener, aber nicht nie! Ohne die Konservativen würde es dem Liberalen wiederum schwer fallen, die Trümmer aufzuräumen, die ein gerade gescheitertes Experiment hinterlassen hat. Zudem gibt es sogar einen Ort, an der er zurückkehren kann, um sich für ein neues Abenteuer zu rüsten. Weil sich in der Zwischenzeit jemand darum gekümmert, die Katze gefüttert und das Gemüsebeet gegossen hat. Es erinnert sich sogar noch jemand daran, wie man daraus Suppe macht, weshalb wir uns nach dem jüngsten Scheitern zum Glück nicht von Dosenmais ernähren müssen.

 

Wie zynisch oder kurzsichtig muss man sein, um zu denken, dass das Eine ohne das Andere funktionieren könnte? In einem einzigen Menschen genauso, wie in einer kompletten Gesellschaft. Ich denke, dass diese Haltungen und alle anderen, die in der Betrachtung jetzt keinen Platz gefunden haben, in jeder Gesellschaft produktiv miteinander im Gespräch sein müssen. Respektvoll reden. Anstatt sich übereinander lustig zu machen und sich gegenseitig die Sinnlosigkeit und Dummheit nachzuweisen. Das wäre wirklich das Niveau eines egoistischen, kleinen Lümmels. Davon haben wir schon so viele, im Parlament und auf den Straßen, dass ich mich über jeden freue, der über sich hinaus wächst und das Niveau eines verunsicherten, zwischen allen Stühlen sitzenden Teenagers erreicht. Ihr wisst schon: Einer von denen, die weder hierhin noch dahin gehören, die sich mit zittrigen aber unaufhaltsamen Schritten ihren Weg suchen.

Es ist soweit: Nach mehr als zehn Jahren ist die Erzählwerkstatt fertig!

Und sie ist wunderschön geworden.

 

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