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Geschichten

Mulm - Eine Weihnachtsgeschichte


Stell dir vor, du gehst die Welt hinauf. Immer nach Norden bis ganz ans Ende. Es wird kälter, bis nur noch Eis und Schnee da sind. Dann kommt der Nordpol und dahinter geht es nach Süden, die Welt wieder hinunter. Irgendwo da oben, zwischen Schneehügeln und Eisfeldern, liegt ein verborgener Weg. Er führt durch ein Tannendickicht, an einem mächtigen Briefkasten vorbei zu einer Handvoll verstreuter Fachwerkhäuser. Das ist das Weihnachtsdorf.

In der Schnitzwerkstatt sitzt der Zwerg Moll auf seinem Drehstuhl. Er starrt ein Stück Holz an. Der Stuhl knarzt, wenn der Zwerg sich hindreht, und quietscht, wenn er sich wieder her dreht. Er sucht einen Engel in dem Holz. Moll ist erst zweihundert Jahre alt, aber er hat die besondere Begabung, das Innen der Dinge zu sehen. Das Holz ist alt und widerspenstig. Doch Moll hat es schon gefunden. In der Tiefe des Holzscheits liegt das wunderschöne Gesicht eines Lichterengels mit ernsten, gütigen Augen. Der Engel lächelt, als er den Blick des Zwergs bemerkt.

Dieser Engel ist kein Geschenk für einen Menschen, sondern für eine der Elfen aus dem Dorf. In einer uralten Tradition beschenken sich die Weihnachtsgeister am Tag vor dem Fest gegenseitig und wetteifern darum, wer die Geschenke als erster fertig hat. Draußen tobt der wilde Nordwind und eine noch wildere Schneeballschlacht. Im Moment versuchen einige Zwerge, die Bäckerei zu stürmen.

Moll will gerade zum Schnitzmesser greifen, als ihm ein eiskalter Schneeball in den Nacken klatscht. Zwei Zuckerbäckerelfen haben die Türen weit aufgerissen und bombardieren den Zwerg mit Schneebällen, bis er vom Stuhl kippt.

Du bist zu spät, kleiner Moll“, flöten die Elfen. „Wer zu spät kommt, wird eingeseift!“ Moll sucht Deckung hinter der Stuhllehne. Mist, denkt er. Schon vor einer Stunde hatte der Chef ihn gebeten, ins Büro zu kommen. Der Wind treibt eine Pulverschneewolke in die Werkstatt. Moll schlüpft aus den Pantoffeln in die Filzstiefel und stürmt zwischen den Elfen vorbei auf den Hof.

Die Elfen flattern hinter ihm her und lassen Schneebälle auf ihn regnen. Einige Zwerge haben auf dem Dach der Holzwerkstatt ein Katapult aufgebaut. Moll winkt ihnen zu und schon holt eine riesige Schneekugel die Elfen aus der Luft.

Das Büro des Chefs ist so gemütlich, wie immer. Auf dem Schreibtisch steht seine Lieblingstasse, noch halb voll heißer Schokolade. Die Tasse war ein Geschenk der Weihnachtsgeister. Sie ist riesig groß und es steht „Chefbecher“ drauf. Daneben steht eine kleinere Tasse für Moll. Die Schokolade ist sogar noch heiß. Der Chef ist nicht zu sehen, aber in der Ecke steht die Leiter an der Klappe hoch zur Kleiderkammer.

Hallo Moll“, tönt es von oben. „Ich hab deine Schokolade nochmal heiß gemacht. Bin gleich fertig, dann kannst du mir mit dem Bart helfen.“

Moll schlürft seine Schokolade und fragt sich, mit welchem Mantel der Chef wohl dieses Jahr in die Städte fahren will. In der Kleiderkammer haben sich über die Jahre prächtige und einfache, seltsame und wunderliche Gewänder angesammelt. Am besten gefällt dem Zwerg ein uralter, blauer Mantel mit Goldstickereien. Leichter, weicher Stoff für einen Winter ohne Schnee. Aber herrlich und ehrwürdig. Oder die drei Mäntel, die wie mächtige Geister aussehen. Besonders der dritte, der schwarze, ist zum Fürchten. Mit diesem Mantel, da ist Moll überzeugt, würde dem Chef jeder Mensch aufmerksam zuhören. Doch als der Chef die Leiter heruntersteigt, ist Molls Enttäuschung groß.

Was ist das denn für ein Ding?“, fragt er und hält sich gleich den Mund zu, als er seine Respektlosigkeit erkennt. Der Chef lächelt und streicht sich seinen Bart. Der Mantel ist ein rotes Ding aus faltigem, dünnen Stoff, der eher an Einwickelpapier erinnert, als an Samt und Brokat. Am Saum, an den Ärmeln und an der Kapuze hängt dürrer, weißer Flaum. Es sieht albern aus und Moll versteht nicht, was der Chef damit zu schaffen hat.

Das ist mein Neues. Das kennst du wohl noch gar nicht? Natürlich, du bist ja nie mit mir in die Städte gefahren. Hier, der Bart gehört auch noch dazu.“

Er reicht Moll ein weißes Wollknäuel, das an einer Schur hängt.

Sei so gut, und binde mir die Schnur hinter dem Nacken zusammen. Ja, so ist es richtig.“ Seinen echten, schneeweißen Bart versteckt der Chef unter dem Mantel und trägt statt dessen dieses zottige Fransending. Dann setzt er die Kapuze auf und ruft laut: „Ho ho ho! Na, wie findest du mich?“

Moll ist den Tränen nahe. Wie kommt der Chef nur auf die Idee, so etwas anzuziehen?

Das sieht ja fürchterlich aus! Das bist doch nicht du.“

Wirklich nicht? Schau nur richtig hin.“

Moll schaut richtig hin, bis er das Innen sieht. Groß und freundlich, ehrwürdig und prächtig, das ist der Chef, egal welchen Mantel er trägt.

Aber wozu dieses seltsame Kostüm? Das ist doch nicht echt“, fragt Moll. Und der Chef erklärt es ihm.

Sicher hast du gemerkt, dass auf den Wunschzetteln jedes Jahr weniger Lichterengel stehen?“ Moll hat es gemerkt, aber einfach weiter seine Arbeit gemacht und nicht darüber nachgedacht.

Auch unsere Nussknacker sind nicht mehr so gefragt. Meistens verschenken sie jetzt ganz andere Sachen. Du würdest dich wundern. Die Menschen in den Städten haben Angst vor dem Echten. Oft erkennen sie gar nicht, was echt ist. Oder sie finden es verdächtig.

Aber sie lieben Verpackungen. Vor allem, wenn die so aussehen, wie etwas, das sie schon kennen. Wenn ich morgen einige von ihnen treffe, möchte ich, dass sie mich erkennen. Und wenn es dazu das Beste ist, so einen Mantel und einen falschen Bart zu tragen, dann tue ich das gerne.“

Als der Chef das sagt, klingt er gleichzeitig fröhlich und traurig. So klingt er immer, wenn er über die wichtigen Dinge spricht. Den Rest des Nachmittags laden sie zusammen den Schlitten auf und bereiten die Geschirre der Rentiere für die lange Fahrt in die Städte vor. Moll ist dabei eher traurig als fröhlich.

Zuletzt legt der Chef einen großen, leeren Sack auf den Schlitten.

Warum ist der Sack leer?“, fragt Moll verwundert.

Der ist nicht leer. Da ist das allerwichtigste Geschenk drin. Mein Herz, das ich den Menschen schenken will.“

Moll wundert sich. Wie kann denn ein Herz in einem Sack liegen?

Ach mein lieber Moll, das ist ein großes und seltsames Geheimnis. Es wäre auch gar nicht notwendig, aber ich sagte ja schon, die Menschen achten bei Geschenken immer so sehr auf die Verpackung. Im übrigen wirst du alles selbst sehen. Du kommst nämlich mit.“

Moll blieb der Mund offen stehen. Begleiten? In die Städte? Klar, Moll würde alles tun, worum der Chef ihn bittet. Aber er würde doch viel lieber hier bleiben, bei den anderen Zwergen und bei den Elfen im Dorf. Bei dem Gedanken an die Städte und die Menschen wird ihm ganz flau im Magen. Doch was der Chef beschließt, das ist beschlossen.

Der Wintersturm hat sich gelegt und die Schneeballschlacht ist unentschieden ausgegangen. Jetzt überlegen die Elfen und Zwerge, was sie heut Abend noch machen wollen. Die Zwerge sind für einen Brettspielabend, aber die Elfen wollen lieber tanzen. Moll hält sich da heraus und geht schon schlafen. Am nächsten Tag würde er sehr früh aufstehen.

 

Der Rentierschlitten fliegt nach Süden. Eingewickelt in viele dicke, warme Decken sitzen der Chef und der Zwerg nebeneinander auf dem Kutschbock. Der Fahrtwind ist eisekalt und sie haben ihre Mützen fast bis zur Nase gezogen. Schweigend betrachten sie die vorbeiziehenden Sterne und hören auf das zauberhafte Lied der Rentierglöckchen. Der Chef brummt manchmal zufrieden vor sich hin. Der Zwerg sieht unglücklich aus. Ab und zu teilen sie sich einen Schluck heißen Tee aus der Thermoskanne.

Je weiter sie nach Süden kommen, desto wärmer wird es. Der Schnee macht an vielen Stellen Platz für große Flecken von schmutzigem Braun. Nass und schwarz ziehen sich die Bänder der Autobahnen durch das Land. Als sie fast die Stadt erreicht haben, steckt Moll die Nase in die Luft und schnuppert. Dann kuschelt er sich wieder in die Decke ein. Der Frost klirrt nicht so, wie er sollte. Der Winter fühlt sich matschig an.

Der Chef lenkt den Schlitten zu einer Scheune am Feldrand, die einem freundlichen Bauern gehört.

Er lässt immer Mandarinen für mich da,“ erzählt der Chef. „Und manchmal Schokolade. Leider hat er überhaupt keinen Geschmack was Schokolade angeht. Lieb finde ich es trotzdem.“

In der Scheune finden sie Heu für die Rentiere. An einem Nagel hängt ein Beutel mit einem Netz saftiger Mandarinen und einem Schokoladenweihnachtsmann, den der Chef dem Zwerg überlässt. Moll findet die Schokolade zwar etwas zu süß, aber so schlimm, wie der Chef tut, ist sie nicht.

Eine halbe Stunde marschieren sie über halb gefrorene Feldwege. Die Felder und vor allem der Wald gefallen dem Zwerg. Da liegt noch etwas frischer Schnee und klebt schwer an Molls Stiefeln. Es riecht nass und frisch.

Dann kommen sie an die Straße, an der die Stadt beginnt. Hier gibt es keinen Schnee mehr. Das Laternenlicht glitzert auf dem nassen Asphalt. Da stehen die ersten Häuser. Moll sucht nach dem Schnee, den er so liebt. Aber es ist keiner da. Wohin das Auge reicht, auf den Wegen, an den Straßenrändern, unter den Hecken und vor den Haustüren liegt nur ein seltsamer, eisig kalter Brei.

Was ist das?“, fragt der Zwerg fröstelnd.

Das ist der Mulm,“ sagt der Chef. „In den Städten ist der Winter kaputt gegangen. So sieht hier der Schnee aus.“ Und sie stapfen weiter die Straße entlang.

Moll schaut auf die Mischung aus zertrampeltem Schnee, geschmolzenem Schmodder und altem Straßendreck. Die nasse Kälte kriecht in die Stiefel und unter das wärmste Unterhemd, bis man sich nur eines wünscht: Gleich wieder nach Hause zu gehen. Nichts wünscht Moll sich im Augenblick mehr. Aber der Chef geht stadteinwärts und so tut Moll das auch. Sie gehen an einem Baumarkt vorbei und finden die Straßenbahnhaltestelle. Es ist fast noch Nacht, doch die erste Bahn steht schon auf den Gleisen. Im Wagen ist es stickig, aber zumindest bleibt der Mulm draußen. Moll fallen die Augen zu.

Als er wieder aufwacht, ruckelt die Straßenbahn über vereiste Gleise. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, aber der Wagen füllt sich mit Menschen. Dicke Figuren, eingehüllt in viele Schichten warmen Stoffs. Sie verstecken ihre Augen hinter Wollmützen und die Münder hinter Schals. Als wären sie nicht richtig wach wanken sie zu einem Sitz und lassen sich darauf sinken. Viele haben Taschen, die stellen sie sich auf die Knie und halten sich daran fest. Moll ist verwirrt. Er hat sich Menschen anders vorgestellt.

Der Zwerg hüpft von seinem Sitz, um die Leute aus der Nähe zu betrachten. Sie können ihn nicht sehen, Menschen sehen Geister nicht. Der Chef hat ihnen einmal erzählt, dass sie die Geister schon sehen könnten, nur tun sie es einfach nicht. Schon damals hatte Moll gedacht, dass Menschen seltsam waren. Jetzt denkt er es wieder.

Allem Anschein nach ist es verboten, andere zu anzufassen. Alle achten sehr darauf, dass sie Abstand zueinander halten. Irgendwann sind die Doppelsitze besetzt und es müssen Zwei nebeneinander sitzen. Viele benutzen nun ihre Taschen, um den freien Sitz neben sich zu besetzen, doch als es nur noch Taschensitze gibt, müssen sie die auch hergeben. Einige Neueinsteiger stehen lieber. Doch egal, wie eng es wird, nie berührt einer den anderen. Der Zwerg hat immer genug Platz, um zwischen den Fahrgästen hindurch zu schlüpfen.

Da bemerkt Moll das Starren. Alle starren, geradeaus, zur Seite, aus dem Fenster. Jeder hat sich etwas gesucht, worauf er starren kann. Die Glücklichsten haben ein Buch. Hauptsache, keiner schaut einem anderen ins Gesicht. Moll klettert an den Stuhllehnen und an den Haltestangen hoch, um sich die Gesichter anzusehen. Zurest denkt er, dass es ein Spiel sein könnte. Vielleicht eine uralte, lustige Menschentradition, so ähnlich wie die Schneeballschlacht in seinem Dorf. Aber das kann nicht sein. Sie sehen nicht fröhlich aus. Manche machen den Eindruck, als hätten sie Zahnschmerzen. Und fast alle, denkt Moll, sehen aus, als wäre ihnen furchtbar kalt.

Warum sind die nur so komisch?“, fragt er den Chef, als er seine Runde beendet hat. Der Chef schaut Moll traurig an, fast gar nicht fröhlich. So schaut er nur selten.

Sieh nur genau hin, mein lieber Zwerg.“

Moll versteht. Er schaut die eingemummten Gestalten an, bis er das Innen sehen kann. Und da erschrickt er. Die Herzen der Leute sind bis oben hin voll mit Mulm.

Natürlich ist ihnen kalt, fährt es ihm durch den Kopf! Mich schaudert ja schon, wenn ich das widerliche, nasse Zeug in meinen Stiefeln habe. Er will sich gar nicht vorstellen, wie diese Menschen sich fühlen müssen. Bei manchen ist es nicht so schlimm, vor allem bei den Kindern. Aber auch bei denen fängt es schon an und bevor sie groß sind, sie die Herzen der meisten schon bis zum Überlaufen voll.

Da muss man doch etwas tun!“, klagt Moll, der dieses Elend gar nicht mit ansehen kann.

Deshalb bin ich hier,“ antwortet der Chef und sieht dabei nicht nur traurig, sondern auch wieder fröhlich aus.

An der nächsten Haltestelle steigt ein junger Mann ein. Er trägt zerschlissene Jeanshosen und Halbschuhe, in die bestimmt schon der Matsch gelaufen ist. Trotzdem sieht er nicht aus, als würde er frieren. Neugierig beobachtet Moll, wie er den Leuten in die Gesichter schaut. Mit Interesse und manchmal bloß, um sie zu ärgern. Durch ein Wunder ist der Platz gegenüber dem Chef noch frei. Dort setzt der junge Mann sich hin.

Was bist du denn für einer?“, fragt er und schaut Moll neugierig an.

Ein Weihnachtsgeist. Ein Zwerg natürlich. Oder sehe ich etwa aus, wie eine Meerjungfrau?“, antwortet Moll. Erst jetzt fällt ihm auf, dass der junge Mann ihn sehen kann.

Wirklich? Das ist ja verrückt!“, ruft der junge Mann. „Ich hab hier eine ganze Kiste voller Geschichten über Weihnachtsgeister.“

Moll fragt neugierig, wieso der Koffer voller Geschichten ist. Er erfährt, dass der junge Mann ein Künstler ist. Nein, das ist nicht ganz richtig. Er wäre gern ein Künstler. Unbedingt möchte er einer sein. Darum hat er die Geschichten über die Weihnachtsgeister gemacht. Nun ist er auf dem Weg, um sie auf dem Weihnachtsmarkt zu verkaufen. Der Holzkoffer ist sein Bauchladen.

Und die Leute mögen Geschichten über uns Weihnachtsgeister?“ Moll findet es seltsam, dass jemand gern Geschichten über ihn liest. Aber irgendwie gefällt ihm der Gedanke auch.

Ich hoffe sehr, dass die Leute sie mögen. Um diese Geschichten zu machen, hab ich mein Studium geschmissen und kann schon seit einem Monat meine Miete nicht bezahlen. Aber ich werde die Geschichten heute ganz sicher verkaufen. Schließlich ist Weihnachten! Und wenn das klappt, dann ist alles gut.“ Der junge Mann sagt das fröhlich und sehr überzeugt. Moll schaut ihn lange an. In seinem Innen findet er fast keinen Mulm. Nur ein Tröpfchen. Aber auch nur wenig Überzeugung. Dafür sind Sorgen da. Schwere und dunkle. Ich hoffe, dass es dir gelingt, denkt Moll bei sich. Der junge Mann gefällt ihm, mit seinen durchweichten Halbschuhen. An der nächsten Haltestelle verabschieden sie sich, hier müssen sie aussteigen.

Der Weihnachtsmarkt kommt Moll vor, wie eine Stadt für sich. Eine Stadt aus Holzhütten, die ihn ganz entfernt an sein Dorf zu Hause erinnert. Auf eine Weise, die ihn gleich wieder traurig macht. Überall liegt Mulm, zu einem dünnen, fiesen Brei zertrampelt, der noch leichter in die Stiefel dringt. Moll fragt sich, ob der Mulm wirklich vom Winter kommt oder ob er aus den Menschenherzen tropft, die von dem Zeug schon überlaufen.

Der Chef hat ihm eine Aufgabe gegeben. Er soll Ausschau nach einer stillen Ecke halten, wo sie sich für den Tag niederlassen können. Dabei ist das so gut wie unmöglich. Jeder Fußbreit Boden ist von Leuten besetzt, die Dinge verkaufen. Keiner hat das kleinste Plätzchen übrig.

Dabei hat Moll Gelegenheit, sich in den Hütten umzusehen. Du wirst schon sehen, hat der Chef vor ihrer Abfahrt im Dorf gesagt. Jetzt sieht er es. Überall Geschenke, aber etwas Echtes ist kaum zu finden. Ganz selten entdeckt Moll hier und da Dinge, die aus dem Innen heraus leuchten, weil jemand Liebe und ein Stück warmes Herz hineingelegt hat. Dort bleibt er lange stehen und freut sich, bis ihm wärmer wird. Aber einen Lichterengel, der ihm sein Lächeln schenkt, sucht Moll vergebens.

An manchen Ecken sitzen Männer mit genau so einem Mantel, wie ihn der Chef anhat, und auch mit so einem falschen Bart. Aus großen Säcken verteilen sie bunte Päckchen an die wenigen Kinder, die früh schon hier sind. Sie rufen dauernd: „Ho ho ho,“ und essen Bratwurst zum Frühstück.

Schließlich entdeckt Moll den Chef, der eine passende Ecke gefunden hat. An einem Marktende ist zwischen zwei Hütten eine Lücke geblieben, weil da eine alte Telefonzelle steht. Jemand hat dort leere Holzkisten gestapelt, auf denen man gut sitzen kann. Der Chef holt zwei Decken aus seinem Sack und so machen sie es sich zwischen den Hütten gemütlich. Links werden gebackene Nüsse und Mandeln verkauft. Der Duft erinnert Moll an die Zuckerbäckerei und die Elfen zu Hause. Vor der anderen Hütte steht ein Holztisch und darüber blinkt ein bunter elektrischer Weihnachtsstern. Daneben steht „Frau Käthes Punschhütte“.

Frau Käthe ist ein Schatz,“ erzählt der Chef dem Zwerg. „Wir kennen uns schon länger. Ihr Weihnachtspunsch ist ein großes Geheimnis, ein richtiges Weihnachtswunder.“

Frau Käthe ist groß, warm und freundlich. Sie gehört nicht zu den Menschen, die Zwerge sehen. Das hindert sie aber nicht daran, dem Chef auf für Moll einen großen, fürchterlich heißen Becher einzuschenken. Die beiden setzen sie sich auf die Kisten, ganz eng nebeneinander, und bei seinem großen Chef wird dem kleinen Zwerg wieder richtig warm. So kuscheln sie sich unter ihre Decken, trinken fürchterlich heißen Punsch und warten auf die Menschen.

Es kommen Menschen an diesem Tag. Nicht so viele, wie zu den anderen Männern mit roten Mänteln, weil die an den besseren Ecken sitzen. Aber die Leute, die kommen, bleiben oft für eine Weile. Der Chef hat eine dritte Kiste hingestellt und er hat auch noch eine Decke, für die, denen kalt ist. Den meisten ist kalt und Moll weiß auch, warum.

Von denen, die sich auf die Kiste setzen, fangen die meisten irgendwann an, zu erzählen. Von ihren Kindern oder ihren Eltern, über die Nachbarn oder über die Arbeit. Manche Geschichten, die Moll zu hören bekommt, sind schlimm. Viele sind einfach nur so. Und am Ende erzählen alle vom Mulm. Von der großen Kälte innen drin, die in jeden Winkel kriecht und das ganze Herz ausfüllt, bis einem gar nicht mehr warm werden kann.

Das ist der Moment, in dem der Chef seinen Sack hernimmt. Und dann sagt er: „Ich schenke dir ein Stück Herz von mir. Mein Herz ist groß, so dass der Mulm es nicht voll machen kann. Und auch warm, der Mulm kann es nicht erfrieren.“

Das ist wahr, denkt Moll. Das Herz des Chefs ist eine ganz ungewöhnliche Angelegenheit. Obwohl er sich wirklich nicht vorstellen kann, wie der Chef es hinbekommt, ein Stück davon in dem Sack herumzutragen.

Viele schauen auf den Sack und dann wieder auf den Chef mit dem roten Mantel, dann machen sie ein säuerliches Gesicht und gehen weiter. Aber andere bleiben und fragen, wie das gehen soll. Der Chef sagt ihnen, sie müssten nur ihre Geschichte in den Sack erzählen. Darüber wundern sie sich, aber dann nehmen einige doch den Sack und versuchen es.

Sie erleben etwas sehr seltsames. Sie stecken den Kopf in den Sack und beginnen, zu erzählen. Eins nach dem anderen kommt die ganze Geschichte heraus. Stück für Stück, aus versteckten Ecken und aus Winkeln, die so geheim sind, dass die Erzähler sie selber gar nicht richtig kennen. Mit den Geschichten kommt auch der Mulm. Er fällt Stück für Stück mit lautem Platschen in den Sack. Und den Menschen wird wieder warm.

Die Leute auf dem Markt tun so, als würden sie nichts bemerken. Vielleicht, denkt Moll einen Augenblick lang, ist es wie mit den Zwergen. Vielleicht glauben sie wirklich, dass sie es nicht sehen. Inzwischen ist es hell und dann wieder dunkel geworden. Einmal hat Moll den Künstler gesehen, der sich mit seinem Bauchladen durch die Menschenmenge schob. Gerade verabschiedet sich der Chef von einer älteren Dame mit Hund. Eine warme Träne leuchtet in ihrem Auge wie ein Edelstein. Die alte Dame bewahrt sie auf, weil sie sehr kostbar ist. Sie winkt noch einmal und macht sich auf ihren Weg.

Das ist die Letzte. Mehr werden nicht kommen,“ erklärt der Chef. Der Markt ist fast leer. Erst jetzt bemerkt Moll, dass die meisten Hütten ihre Beleuchtung ausgeschaltet und ihre hölzernen Läden geschlossen haben. Frau Käthes Punschhütte ist eine der letzten, die noch offen sind. Moll legt die warmen Decken zusammen. Der Chef schaut ihn dabei an, als ob er an etwas denkt, über das er gerade nichts sagen will. Die Decken stopft er in den Sack, der eigenartigerweise sauber und trocken ist. Inzwischen schneit es große, weiche Schneeflocken, die sogar für den Augenblick liegen bleiben und den Markt und die Stadt mit ihrem samtigen Weiß überziehen

Was hältst du von einem letzten Glas Punsch vor der Heimfahrt?“, fragt der Chef.

Noch ein bisschen Weihnachtswunder? Ich denke, das haben wir uns verdient.“

Moll klettert auf den Holztisch und der Chef stellt drei Becher ab. Bevor Moll fragen kann, für wen der dritte ist, winkt der Chef noch jemanden heran.

Komm. Wärm dich auch ein bisschen auf!“, ruft er. Der Zwerg schaut sich um. Dort läuft der Künstler mit dem Bauchladen. Ein Blick auf die durchgeweichten Büchlein genügen, um zu erkennen, dass der Künstler nichts verkauft hat. Seine Schuhe sind durchweicht und er sieht ganz elend aus.

Kein großer Erfolg?“, fragt der Chef und schiebt ihm den Becher rüber. Der Künstler gesellt sich zu ihnen, dankbar noch mehr für die Gesellschaft als für den fürchterlich heißen Punsch. Er schüttelt den Kopf und schaut mit traurigen Augen in die Runde.

Und? Was hast du jetzt vor?“, fragte der Chef weiter.

Ich weiß es nicht. Ich hab keine Wohnung mehr. Student bin ich auch nicht mehr. Ich glaub, ich hab einfach alles versaut.“ Dann fängt er an, zu erzählen.

Ich hab versucht, was richtiges zu lernen. Mein Papa hat ja Recht. Man braucht erst mal ein festes Standbein. Darum haben sie mir das Geld zum studieren gegeben.

Aber ich hab immer Ideen und ich platze einfach, wenn ich nichts damit mache. Aber wenn ich es dann versuche, geht es am Ende schief. Jetzt hab ich mit dem ganzen Geld diese Bücher gemacht. Ich hab noch Kisten davon zu Hause. Und die werd ich alle wegwerfen.

Ich hab nicht mal Geld für die Fahrkarte. Sonst würde ich nach Hause fahren und versprechen, nie mehr eine Geschichte zu erzählen.“

All diese Traurigkeit geht Moll auf die Nerven. Der Junge könnte sich ruhig ein bisschen zusammen reißen. Dann schaut er nach Innen und findet dort ein heillos verwirrtes Knäuel. Da sind so viele Geschichten, dass es gar kein Wunder ist, wenn am Ende etwas durcheinander gerät. Er erinnert sich daran, wie schwierig es am Anfang ist, das Innen und das Außen auseinander zu halten. Es gerät so schnell etwas durcheinander, wenn man immer alles auf einmal sieht. Moll kennt das selber gut. Es brauchte die unendliche Geduld des alten Zwergenmeisters Rettich, damit der kleine Tunichtgut, der nie etwas zu Ende bringt und das Weihnachtsdorf ständig in Unruhe versetzt, schließlich zu Moll, dem Schnitzer werden konnte, der den Engel im Holzscheit findet und ihn zum lächeln bringt.

Nun weiß Moll, was dem jungen Mann fehlt. Und ihm kommt der starke Verdacht, dass der Chef das von Anfang an geplant hat! Am liebsten würde Moll ihn mit matschigen Schneebällen bewerfen! Aber es ist ja nur seine eigene Entscheidung, sein eigenes Geschenk. Moll weiß genau, dass der Chef kein Wort dagegen sagen würde, wenn er jetzt mit zurück zur Scheune gehen und dann gemütlich mit dem Schlitten nach Hause fahren würde. Ein Teil von ihm, ein ziemlich großer sogar, wünscht sich das sehr. Stattdessen zieht er den jungen Künstler am Ärmel.

Du brauchst einen richtigen Lehrer. Alleine wird das nichts. Ich bleibe hier und helfe dir.“

Der Chef lächelt Moll zufrieden an, aber der Zwerg ignoriert ihn, weil er noch sauer ist.

Dem jungen Künstler bleibt der Mund offen stehen.

Wie meinst du das? Du willst mir helfen? Zusammen neue Geschichten machen? Die können wir dann bestimmt verkaufen! Dann muss ich auch gar nicht bei meinen Eltern wohnen. Aber ich hab gar kein Geld mehr. Weißt du vielleicht, wo man einen versteckten Schatz finden kann?“

Du meine Güte!“, stöhnt der Zwerg und schaut kopfschüttelnd den Chef an. „Was soll ich mit dem bloß machen?“ Dann dreht er sich um und tippt den jungen Mann mit einem harten Finger an die Stirn. „Ich meine, du sollst dir erst mal eine Arbeit suchen. Am besten gleich hier und jetzt. Frag bei Frau Käthe, ob sie eine Aushilfe braucht.“

Nach Arbeit fragen? Einfach so, jetzt hier?“

Einfach so. Jetzt hier.“ Und zum Chef ruft er: „Jetzt fahr endlich nach Hause. Du hast doch alles erledigt. Wir kommen schon zu Recht. Wir sehen uns dann in einem Jahr!“

Der Chef nickt. Sein Lächeln sieht gerade viel mehr fröhlich als traurig aus.

Wir sehen uns in einem Jahr“, sagt er zu dem Zwerg Moll. Er nickt auch dem Künstler zum Abschied, dreht sich um und geht durch die Hütten davon.

Moll klettert auf die Schulter des jungen Mannes, der unentschlossen auf dem Weg steht.

Er zeigt auf Frau Käthe, die gerade dabei ist, die Läden zu schließen.

Da geht’s lang!“ Er zieht die Künstlernase in die richtige Richtung und wischt sich eine Schneeflocke von der Stirn. Es ist kälter geworden, denkt Moll, vielleicht klirrt heute Nacht noch der Frost.

Es ist soweit: Nach mehr als zehn Jahren ist die Erzählwerkstatt fertig!

Und sie ist wunderschön geworden.

 

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