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Geschichten

Eumel und Trulla


Am Rand der Stadt riecht es nach Kühen und alten Autos. Dort sind die in lustigen Farben gestrichen und sehen rustikal aus. Viele würden sagen, die Häuser sehen heruntergekommen aus. Doch die Leute, die dort wohnen, sagen gerne „rustikal“. Sie sagen auch gerne „idyllisch“. Das bedeutet, dass es Mücken und Brennesseln gibt. Weiter hinten bellte ein Hund melancholisch, weil er in der Geschichte keine wichtige Rolle spielte.

Das letzte Haus in der Straße war sehr rustikal. Ständig war etwas kaputt, alt, zerbrochen, krumm, schief und überhaupt ganz furchtbar. Gründe dafür gab es zwei. Sie waren Geschwister. Wahrscheinlich hatten sie auch richtige Namen, aber sie nannten sich gegenseitig immer nur Eumel und Trulla, und da machten alle anderen das irgendwann auch.

Eumel war schon beinahe ganz groß und seine Kindergartengruppe waren die Marienkäfer. Er war nämlich viereinhalb, also schon fast fünf, und er bestand darauf, dass er ein giftiger Kampfmarienkäfer. Immerhin war er in seiner Gruppe der Einzige, der den dicken Hermann ein paar Zentimeter hoch heben konnte! Alle waren von seiner Stärke tief beeindruckt. Außer die Trulla. Die schaffte es sogar, ihn im Schwitzkasten bis in den Holzschuppen zu ziehen und verriegelte dann von außen die Tür. Einmal hatte sie ihn so lange sitzen lassen, bis er anfing zu weinen. Und dabei dürfen doch Kampfmarienkäfer nicht weinen, weil sie dann nämlich ihre Giftigkeit verlieren!

Es versteht sich von selbst, dass Eumel und Trulla Geheimkräfte hatten. Trullas Spezialfähigkeit war, spurlos zu verschwinden. Meist verschwand sie gemeinsam mit ihren Freundinnen, um dann an streng geheimen Orten, zum Beispiel im Keller oder im Kinderzimmer, wichtige Dinge zu tun.

Eumel hatte eine andere Spezialfähigkeit. Er war ein unerwarteter Auftaucher. Er hatte die geheimnisvolle und seltene Fähigkeit, genau in dem Moment im Keller oder im Kinderzimmer aufzutauchen, wenn Trulla mit ihren Freundinnen gerade Feenbilder einklebte und auf keinen Fall gestört werden durfte. An dieser Stelle fragte Eumel immer: „Kann ich mitspielen?“ Worauf Trulla antwortete: „Hau ab, du Eumel!“ Danach gab es Krach.

Gerade eben war wieder ein Streit zu Ende und das Haus war wieder etwas rustikaler geworden. Eumels Lieblingsschatz, der Bronzeritter mit abgebrochenem Kopf, stak bis zur Hüfte in der Gipskartonwand. Eigentlich hatte die Trulla auf Eumel gezielt. Der hatte nämlich mit dem Fußball auf ihr Feenregal geschossen, mit Absicht! Die Trulla hatte ihm nämlich seinen Piratensäbel weggenommen! Eumel hatte nämlich mit dem Säbel auf ihrer Seite des Kinderzimmers herumgestochert! Trulla hatte nämlich zu Eumel gesagt, dass er gar kein Kampfmarienkäfer war, sondern nur ein … ein … daran konnte sich Eumel gerade nicht mehr richtig erinnern. Aber es war irgendwas richtig gemeines gewesen!

Zum Glück stand nur Mama in der Tür, da waren sich Eumel und Trulla einmal einig. Papa versuchte immer, konsequent zu sein. Erziehung braucht Konsequenz, meinte er. Seine letzte Konsequenz war die tolle Idee gewesen, dass sich Trulla und Eumel ein Zimmer teilen mussten, bis sie lernten, weniger zu streiten. Seitdem stritten die Zwei drei mal mehr, als vorher. Das hat man nun davon, dachte Papa, und schickte lieber Mama.

Vielleicht, dachten Trulla und Eumel insgeheim, war aber Papa mit seinen doofen Konsequenzen doch leichter zu ertragen. Wie sollte einer das aushalten, wenn Mama so in der Tür stand und gar nichts sagte, nur stumm den Blick über das verwüstete Kinderzimmer schweifen ließ und dabei sah sie so ratlos aus, und so traurig.

Sie schüttelte den Kopf, zog den Ritter aus der Wand und gab den Geschwistern Stubenarrest bis zum Frühstück. Halt!, dachten alle beide. Bis zu Frühstück?! Das war ja ein halber Nachmittag, danach ein ganzer Abend und dann auch noch die ganze Nacht. Eumel und Trulla die ganze Zeit in einem Zimmer! Die beiden blickten ihre Mutter fassungslos an, aber die sagte nur: „Vielleicht nutzt ihr die Zeit ja einmal und denkt darüber nach, worum sich hier eigentlich immer alles dreht!“ Dann machte sie die Tür zu. Na toll. Worum sich alles dreht?

Eumel und Trulla setzten sich auf ihre Betten, jeweils auf ihrer Seite des Zimmers, und schmollten. Das konnten sie gut. Aber so sehr wie an diesem Nachmittag mit diesem Stubenarrest hatten sie im ganzen Leben noch nie geschmollt. Sonst wäre auch alles ganz anders ausgegangen.

Anfangs schmollten sie ja nur so ein bisschen rum und taten beide so, als wären sie gar nicht da. Ja, das wär toll, dachte Eumel. Einfach nicht mehr da sein. Da würde Mama dann schon sehen! Da müsste sie dann richtig traurig sein, und keine Kinder da, um sie zu trösten. Er machte ein so herzzerreißend trauriges Gesicht, dass Trulla gegenüber sich noch viel mehr Mühe gab. Immerhin war der Hausarrest für sie viel schlimmer, als für das kleine Eumel! Sie hatte nämlich noch etwas wichtiges vorgehabt. Was genau, das fiel ihr gerade nicht ein, aber es war auf jeden Fall enorm wichtig gewesen. Das kleine Eumel hätte ja sowieso nur wieder den ganzen Nachmittag genervt und gefragt, ob er mitmachen durfte. Also wenn es jemandem schlecht ging, dann war sie das!

Eumel blickte in das vom Leid gezeichnete Gesicht seiner Schwester und begriff, dass er es besser machen musste. Die große Schwester, die durfte doch immer alles machen, was sie wollte. Und er musste jeden Tag schon um Acht ins Bett. Und heute sogar schon am Nachmittag! Also strengte er sich an und trotzte, bis er schwitzte. Nie nie nie wieder, dachte er, wollte er irgendwas mitmachen. Wo doch alle so gemein zu ihm waren! Er machte nicht mehr mit und alle anderen sollten ihn vermissen. Genau!

Es klappte. Eumel kam sich schon sehr einsam vor. Er saß in seiner Trotzkugel wie in einer Seifenblase und alle anderen mussten draußen bleiben. Eumel war sehr stolz darauf, wie schön er schmollen konnte. Aber auch die Trulla war gut, richtig gut, beinahe unschlagbar. Auch sie hatte sich ihre eigene, kleine Seifenblase getrotzt, wo sie ganz allein beleidigt und traurig sein konnte. Sie biss die Lippen zusammen und schmollte, dass die Nasenspitze zuckte und die Haarspitzen Funken schlugen. Und weil die Trulla ja eine Meisterin im Verschwinden war, schmollte sie schließlich so sehr, dass sie einfach weg war. Sie war stehen geblieben, während der Rest der Welt sich einfach weiter gedreht hatte.

Während Trulla sich noch wunderte, wie gut das alles klappte, war die Stadt schon verschwunden. Unter ihr zogen Gebirge und ein ziemlich großes Meer vorbei, die zusehends kleiner wurden. Es dauerte nicht lang, da konnte Trulla, die sich immer noch trotzig weigerte, wieder mit dem Rest der Welt mit zu kommen, zusehen, wie die ganze Welt als großer Fußball durch den dunkelschwarzen Weltraum kugelte. So, dachte sie sich, das habt ihr davon. Jetzt bin ich weg und ihr könnt euren doofen Hausarrest alleine machen!

Sie hätte es besser wissen können. So einfach wurde man einen kleinen Bruder nicht los. Und schon gar nicht, wenn er ein Spezialist für unerwartetes Auftauchen war. In diesem Moment war er unerwartet hinter ihrem Rücken aufgetaucht. Mit dem kopflosen Bronzeritter in der Hand. „Eh Trulla, darf ich mitspiel... Oh! Wir sind aber weit weg! Mama macht sich bestimmt Sorgen.“ Er schaute sich um. Der Mond war ganz in der Nähe. „Guck mal, wie schön der Mond ist! Lass uns näher ran gehen! He, da ist ja auch die Erde! Die dreht sich ja!“ Neugierig beobachtete Eumel den Riesenfußball, der unermüdlich durch den Weltraum kullerte.

Trulla war noch sauer, weil sie nicht mal im Weltraum ihre Ruhe hatte. Aber der Mond war wirklich sehr schön. Den musste man sich einfach von Nahem anschauen. Von hier aus sah er aus, wie eine wunderhübsche, silberne, runde Lampe, die irgendwer mitten in den Himmel gehängt hatte. Eumel suchte nach dem Schalter, um den Mond ein und auszuschalten. Trulla spitzte die Ohren, weil sie hinter sich jemanden schnaufen hörte.

Sie schauten sich um. Da kam ein Trupp hünenhafter Männer mit Latzhosen und Schlittschuhen auf sie zu. Heizer, die unterwegs waren, um der Sonne ordentlich einzuheizen „Steht hier nicht im Weg rum!“, rief der Vorderste den Kindern zu. „Wenn wir zu spät kommen, gibt es Eiszeit. Vorwärts, Jungs!“ Mit einem vollen Kohleeimer in jeder Hand jagten sie an den Kindern vorbei, immer auf die Sonne zu. Eumel dachte daran, was Mama gesagt hatte. Sie sollten herausfinden, worum sich alles dreht. Die Erde, der Mond, tatsächlich drehte sich hier alles um irgendwas herum.

„Wißt ihr, worum sich alles dreht?“, rief Eumel den Heizern hinterher, die schon recht weit entfernt waren.

Der letzte in der Reihe drehte sich noch einmal um und rief laut zurück: „Das ist ein Geheimnis!“

Na toll, dachte Eumel, und ärgerte sich.

Trulla dachte an etwas anderes. „Ob das Außerirdische sind?“, fragte sie unsicher. Sie hatte nämlich mit ihren Freundinnen letzte Woche einen Erwachsenenfilm angeschaut und seitdem hatte sie Angst vor Außerirdischen.

„Der eine sah aus, wie Herr Böhme, der Hausmeister im Kindergarten“, antwortete Eumel. „Und der ist ganz sicher ein Außerirdischer.“

„Es gibt doch keine Außerirdischen mit Schlittschuhen“, protestierte Trulla. Eumel hatte ein untrügliches Gespür dafür, wie er seine Schwester ärgern konnte. Er fuchtelte mit dem Ritter vor ihrem Gesicht herum und sang: „Huh, huh! Ich bin ein Außerirdischer mit Schlittschuhen! Ich will dich in die Nase beißen!“

„Hör auf!“, klagte Trulla. So machte es Eumel noch mehr Spaß. Trulla wollte ihn wegschieben, aber aus dem Schieben wurde eine kleine Weltraumrangelei. Dabei stieß Trulla mit ihrem Ellenbogen an Eumels Arm, der rief „Autsch!“, und ließ den Bronzeritter los, der daraufhin in einem eleganten Bogen durch den stillen, schwerelosen Raum segelte. Mitten in die Mondlampe hinein, Die in mindestens hunderttausend Millionen Splitter zersprang. Wenigstens gab es keinen Krach, wegen der Stille im Weltraum, sonst hätte sie bestimmt jemand erwischt, dachte Eumel erleichtert. Dummerweise war überall bekannt, dass der Bronzeritter mit abgebrochenem Kopf dem Eumel gehörte. Mist.

„Das ist alles deine Schuld!“, zischte Trulla ihren Bruder wütend an. Dann zerrte sie ihn hinter sich her ins dunkle Weltall hinaus, weil sie hier nicht stehen bleiben sollten. So zogen sie durch das Sonnensystem und schauten sich die bunten Kugeln an, die wild durcheinander flogen. Am Saturn setzten sie sich auf den äußeren Ring und ließen die Beine baumeln. Trulla nahm Maß und spuckte ihren Kaugummi auf den nächsten Ring. Der war sehr weit weg, aber der Kaugummi blieb zielsicher in der Mitte kleben. Eumel war beeindruckt.

„Kannst du das nochmal?“

Trulla hob die Augenbrauen, pulte einen neuen Kaugummi aus der Packung und ließ ihn neben dem ersten landen. Eumel wollte auch probieren und Trulla kicherte, als sein Kaugummi meterweit vorbeisegelte. Dann zeigte sie ihm nochmal, wie es richtig ging. Als die Schachtel leer war, musste Eumel zugeben, dass er von seiner Schwester manchmal auch etwas lernen konnte. Und es hatte Spaß gemacht! Nebeneinander spazierten sie den Saturnring entlang.

„Weißt du noch, Trulla, Mama hat doch gesagt, dass wir rausfinden sollen, worum sich alles dreht. Hier dreht sich ja wirklich alles! Siehst du? Alle Kugeln rollen um die Sonne rum, aber die dreht sich auch wieder um irgendwas. Lass uns doch schauen, wo die Mitte ist!“

„Warum nicht?“, antwortete Trulla. „Guck mal, die Frau da fragen wir jetzt nach dem Weg!“

Eine ältere Dame mit einer Nylonschürze kam ihnen mit einem Eimer und einem Schrubber in der Hand entgegen. Sie rubbelte energisch über den Ring, bis er funkelte.

„Entschuldigung, können Sie uns sagen, wie wir ganz in die Mitte kommen?“, fragte Trulla extra höflich. Die Frau schaute mürrisch hoch.

„Unfug“, brummte sie. „Da könnt ihr lange suchen.“ Dann putzte sie weiter.

„Die hilft uns nicht“, stellte Eumel fest. „Lass uns selber suchen.“ Er zog Trulla an der Hand mit fort und die wollte auch lieber schnell weg, weil sie sich die Kaugummis erinnerte. Da schaute die Putzfrau ihnen noch einmal nach und rief: „Wenn ihr nicht weiter wisst, geht immer der Nase nach.“ Dann brummelte sie wieder und putzte kopfschüttelnd weiter.

Die Geschwister waren inzwischen in die Richtung unterwegs, die sich wie oben anfühlte. Von oben, dachten sie, hätten sie einen besseren Überblick, um die Mitte zu finden. Und tatsächlich, bald konnten sie sehen, wie sich auch die Sonne um irgendeine Mitte drehte. Und mit ihr noch ein Riesenhaufen anderer Sonnen auch. Das Universum sah von da oben aus, wie eine riesige Suppenschüssel, in der jemand die Fleischklöschen umrührte. Und irgendwo da, in der Mitte, da musste doch der Ort, um den sich alles drehte!

Eumel und Trulla beeilten sich, denn es war schon komisch, so im leeren Raum herumzufliegen. Der Weg war weit und sie kamen an vielen hübschen Sternen vorbei. Doch als sie die Mitte erreichten, erlebten sie eine Enttäuschung. Eumel hatte sich eine Menge vorgestellt, alles, aber ganz bestimmt keinen rot-weiß gestrichenen Holzpfosten. Mehr war da nicht. Nur ein Zettel hing an dem Pfosten. Trulla las vor: „Letzte Reinigung Montag, Sternzeit 16:35 Uhr.“ Sie schauten sich bedröppelt an.

„Los, nochmal rauf. Wir haben bestimmt falsch geguckt“, schlug Eumel vor. Also flogen sie rauf. Immer, immer rauf. Solang, bis sie dachten, es würde nicht mehr weiter gehen, und dann nochmal weiter.

„Was ist das denn?“, rief Trulla auf einmal. Da, weit hinten im dunklen Weltall, da leuchtete etwas.

„Und dort auch!“ Eumel zeigte in eine andere Richtung.

Fassungslos schauten die Kinder auf das Universum. Überall um sie herum flogen noch andere von diesen riesigen Suppenschüsseln durch das All. Und wenn man genau hinschaute, sah man, dass die sich auch wieder alle zusammen um irgendeine Mitte drehten. Wie soll da einer die Mitte finden, wenn sich dauernd wieder irgendetwas um alles andere dreht? Trulla ließ den Kopf hängen.

„Das ist zu weit. Das schaffen wir nicht.“

Es war ein ziemlich niedergeschlagener Moment auf der Reise und er dauerte genau siebeneinhalb Minuten. Dann bemerkten die Geschwister, dass es nach Keksen roch. Und im Notfall sollte man ja immer seiner Nase folgen. Das taten sie und nach einem kurzen Spaziergang kamen sie an eine Stelle, an der alles still stand. Das war ein ziemlich komisches Gefühl, nachdem sie so lang mit allen anderen Dingen zusammen Karussell gefahren waren. Noch komischer aber war das kleine Häuschen mit den grünen Fensterläden, das dort einfach so mitten in der Mitte von allem stand.

Da standen sie also. Das Häuschen sah einladend aus. Es erinnerte sie beide furchtbar an das Hexenhaus aus Hänsel und Gretel. Eumel musste ein bisschen schniefen und hätte fast geweint. Da schloss sich sachte die starke Großeschwesterhand um die auch ganz schön starke Kleinerbruderhand. „He, Eumel“, flüsterte Trulla. „Ein Kampfmarienkäfer darf doch nicht weinen, weil er sonst seine Giftigkeit verliert. Ich beschütz dich doch.“ Und Eumel drückte die Hand von seiner Trulla ganz ganz fest und sagte mit einer Stimme, die fast gar nicht zitterte: „Ja. Und ich beschütz dich auch.“ Dann klopften sie gemeinsam an die Tür.

Es öffnete ihnen ein alter Mann mit grauem Bart. Er trug einen Pyjama mit Sternchen drauf und dicke Pantoffeln, die aussahen wie Löwentatzen. Er schaute die beiden an und lächelte, als ob er genau Bescheid wüßte, ganz egal, worum es ging. Trulla riss sich zusammen und fragte: „Äh, entschuldigen Sie bitte. Wer sind sie?“ „Hm, wer ich bin? Sagen wir mal so, ich bin ziemlich alt und kenne mich hier ziemlich gut aus. Wenn ihr wollt, könnt ihr mich den alten Auskenner nennen.“ Er bat die Kinder herein, die inzwischen fast sicher waren, dass er keine Hexe war.

Die Hütte war innen sehr einfach, aber unheimlich gemütlich. Und kein bisschen rustikal. Der alte Auskenner stellte eine Teekanne auf den Herd.

„Und hier ist das Geheimnis also zu Ende?“, bemerkte Eumel etwas enttäuscht und schaute sich in allen Ecken um. Bevor Trulla ihn für die unhöfliche Bemerkung tadeln konnte, hatte der alte Auskenner schon wieder das seltsame Lächeln im Gesicht. „Nein“, antwortete er. „Ich würde sagen, dass das Geheimnis hier anfängt.“ Er zog einen Läufer beiseite, der vor dem Kamin lag, um heiße Ascheflocken aufzufangen. Darunter kam eine Falltür mit einem dicken, eisernen Ring zum Vorschein. Der Alte zog die Klappe auf. Zuerst sahen sie nur ein schwarzes Loch. Dann erkannten sie in der Dunkelheit Leitersprossen aus rostfreiem Edelstahl, die in die Tiefe führten. Von unten waren ferne Stimmen zu hören, die sich amüsiert unterhielten. Dann erklang ein Rauschen wie von einer vorbeifahrenden U-Bahn.

Der Auskenner machte die Klappe wieder zu. „Naja, genug geplaudert. Ich schätze, ihr müsst bald wieder nach Hause, nicht wahr? Die Sonne geht auf, der Mond geht unte, es wird hell und bald gibt es Frühstück.“

Die Kinder bissen sich auf die Lippen. Als er den Mond erwähnt hatte, waren sie über beide Ohren rot geworden.

„Ach ja, fast hätte ich es vergessen.“ Mit diesen Worten überreichte der Alte Eumel ein kleines Päckchen. Es war altmodisch in Cellophanpapier eingewickelt, mit einem Gummiband darum. Mechanisch wickelte Eumel das Päckchen aus. Darin lag der Bronzeritter mit abgebrochenem Kopf!

„Die Lampe habe ich schon reparieren lassen“, erklärte der Alte verschmitzt. „Ich hab immer ein paar davon im Schuppen für alle Fälle. Es kann ja immer mal etwas kaputt gehen, nicht wahr.“

Der alte Auskenner gab ihnen noch eine Schachtel mit auf den Weg. Gefüllte Kekse waren da drin und Eumel schaute schon ganz gierig. Doch der Alte schüttelte streng den Kopf. „Die sind für Frau Mütze, die Saturnringputzfrau. Grüßt sie von mir, wenn ihr die Kekse abgebt. Und bei der Gelegenheit könnt ihr euch auch gleich für die Sauerei auf dem dritten Ring entschuldigen.“

 

Als am nächsten Morgen alle beim Frühstück saßen, gab es keinen Streit. Mama wußte nicht, ob sie sich mehr freute oder wunderte. Und Papa vor sich hin, dass er Trulla manchmal fast ein bisschen an den Alten Auskenner erinnerte.

Es ist soweit: Nach mehr als zehn Jahren ist die Erzählwerkstatt fertig!

Und sie ist wunderschön geworden.

 

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Tinka

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