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Geschichten

Nachtwanderung


Kay-Uwe und ich haben uns in einer spannenden Zeit kennengelernt. Die Welt war im Wandel. Grad eben war ein Zeitalter zu Ende gegangen. Aber wie so oft achteten die wenigsten auf die feinen Linien und tiefen Brüche in einer Ordnung, an die sich alle nur zu gern gewöhnt hatten.

Es gab ja auch viel Ablenkung. Wilde Ostlinge wanderten in Scharen westwärts. An jeder Ecke versuchte sich irgendwer, als neue dunkle Bedrohung aufzuspielen. Es gab Nutella und die Treuhand. Und ich konnte wochenlang verbrannte Tiefkühl-Baguettes und Ragout-Feng aus der Dose essen.

Ich weiß nicht, ob Kay-Uwe und ich damals ein besonderes Auge für die großen Veränderungen hatten. Wohl eher nicht. Mit fünfzehn geht einem die Welt sowieso in ihrem Großen und Ganzen auf die Nerven. Und es tut gut, sich Dingen zu widmen, die wenigstens ein bisschen vertrauenswürdig sind.

Der Soundtrack dazu kam von Queen – wegen dem ersten Highlander-Film. Grunge hatten wir irgendwie nicht bemerkt, Metal war noch nicht ganz angekommen. Und 80er Glam-Rock war das härteste, das sich grade auftreiben ließ.

Nachmittags dann der gepflegte Eskapismus. Eine unserer bevorzugten Drogen hieß Wing Commander Privateer. Kay-Uwe hatte es entdeckt und natürlich als erster durch, obwohl ich, glaub ich, nur ich wirklich süchtig war. Wir hatten jedenfalls schon damals ein Gespür für gute Geschichten. Und nachts musste man sich, wenn Tolkien und der große Terry Pratchett grad ausgelesen waren, eben irgendwas einfallen lassen.

Schwierig war das vor allem in den harten Tagen, wenn wir gerade beide Computerverbot hatten. Solange nur einer von uns nicht an die Kiste durfte, gab es ja gegenüber den leichten Ausweg. Mein Rekord lag bei einem Monat, als ich zum zweiten Mal den Tequila Virus auf Papas Rechner installiert hatte. Mit der selben verseuchten Raubkopie. Kay-Uwe lag auch hier vorne: Mit einem Jahr Computerverbot. Der sicher wahrhaft schwerwiegende Grund dafür ruht heute vergessen unter den Schatten der Vergangenheit.

In solchen Tagen waren wir oft draußen. Obwohl es in diesen Zeiten der Verwandlung nicht immer ratsam war, in den Wäldern außerhalb der Stadt zu wandern. Diese Erzählung schildert eine unserer legendären Nachtwanderungen. Ich will nicht beschwören, dass alles in jeder Einzelheit so passiert sein muss. Aber es hätte durchaus sein können.

Es müssen Ferien gewesen sein. Sicher hatten wir wieder beide leichtsinnig unsere Lieblingsbeschäftigung aufs Spiel gesetzt und verloren. Oder wir waren einfach nur auf Abenteuer aus.

Kay-Uwe stand gerüstet mit dem Fahrrad vor unserem Haus. Er war damals schon ein Trendsetter und es war warm. Also über 10°. Er trug diese schicken Wanderhosen, die kurz unter dem Knie enden. Dazu lange, weiße Tennissocken und die notwendigen Wanderschuhe. Unsere Wege führten uns durch unwegsame Wildnis, wann immer wir welche finden konnten.

Ich weiß nicht, ob ich damals schon die Vorliebe für kaputte, hohe Lederschuhe ohne Schnürsenkel hatte. Sonst trug ich Turnschuhe, die auch kaputt waren.

Die Schuhe trug ich in der Küche, weil ich vergessen hatte, dass ich für den Proviant sorgen wollte. Ich packte eigentlich jedes Mal das Gleiche ein. Den eingeschweißten Comtess-Kuchen mit Schokoglasur von Dr. Oetker. Außerdem ein langes Küchenmesser. Für den Kuchen und für alle Fälle. Kein Elbenmesser, aber immerhin knapp ein Fuß guter thüringischer Stahl. Ich muss der Ehrlichkeit halber zugeben, dass ich kurz mit dem Gedanken gespielt hatte, ihm einen Namen zu geben.

Kay-Uwe war nicht ungeduldig. Ich glaube, ein paar Minuten auf mich zu warten, gehörte irgendwie zum Ritual. Dann fuhren wir die Gabelsberger runter, die Lengenfelder links rauf, Richtung Waldhaus. Kay-Uwe vornweg, weil bei ihm das Licht ging.

Wir waren noch nicht am Windmühlenweg vorbei, da war klar, dass etwas in der Luft lag. Der Ostwind trieb Wolkenfetzen über einen stahlgrauen Nachthimmel. Schwarze Bäume, die solange ich denken kann, niemals Blätter hatten, formten ihre Äste zu geheimnisvollen Zeichen. Und dauernd rief dieser komische Vogel, den ich immer für eine Eule gehalten habe, bis ich später zufällig erfuhr, dass es nur ne Taube war.

Es war also eigentlich alles wie immer. Trotzdem fühlte sich die anbrechende Nacht einigermaßen seltsam an. Als wollte sie nur ungern anbrechen. Als ob es, wenn einmal der bleiche Mond von ganz oben angekommen wäre, kein Zurück mehr gäbe. Irgendwas würde in dieser Nacht passieren. Aber Kay-Uwe und ich waren realistisch. Wir machten uns keine Hoffnung, was damit zu tun zu haben. Ein Irrtum...

Kurz hinter dem Waldhaus bogen wir in irgendeinen Waldweg ein. Ich hätte mich hier vielleicht auskennen sollen, aber ich kann mir Wege nicht merken.

"Hast du eine Ahnung, wo wir hier rauskommen?", fragte ich Kay-Uwe vor mir.

"Wir sind doch grade erst reingekommen," antwortete er. "Ich glaube, wir waren hier mal Pilze suchen." Das war wenig erhellend. Soviel zu meinem Plan, mich auf seine Orientierung zu verlassen.

Es war dunkler, als es hätte sein sollen. Fahren ging schon lange nicht mehr. Sogar mit der Taschenlampe stolperten wir dauernd in matschige Löcher und das Unterholz bedeckte an vielen Stellen den ganzen Pfad. Die Bäume wirkten höher, als sonst. Eigentlich sieht man unseren Wäldern an, dass hier Kanthölzer und Bleistifte angebaut werden. Es gibt Traktorspuren, Bauwagen und so. Aber dieser alte Nachtwald benahm sich ganz anders. Er tat ganz so, als hätte er nur zu wachsen und zu schweigen. Und wohin er wuchs und worüber er schwieg, ging keinen kurzlebigen Menschen etwas an.

Ich leutete mit der Lampe zwischen die Stämme. Lange Flechtenbärte hingen von den Ästen und Wasser tropfte daran herunter. Als gäbe es etwas, das die Bäume traurig machte.

Ich hatte schon lange keine Lust mehr, mein schweres Rad durch den Morast zu schieben. Ich rief Kay-Uwe zu: "Wir können die Räder an der nächsten Kreuzung anschließen. Und später wieder holen."

"Wenn du meinst, dass du das hier wieder findest." Kay-Uwe war grad nicht gesprächig.

"Ich hab keine Lust, die ganze Zeit zu schieben," maulte ich rum. Ich war genervt von dem schlechten Weg und Wasser in den Schuhen. Brombeeren kratzten über unsere Schienbeine. Ich hatte wenigstens lange Hosen an, obwohl die auch schon nass waren. Ich glaube, uns beiden war mulmig.

Bei jeder derartigen Unternehmung kommt der Augenblick, an dem es keinen Spaß mehr macht. Irgendwie geht es eigentlich auch genau um diese Momente. Jedenfalls hilft es dann immer, wenn man was in den Magen kriegt. An einem halbverrotteten Jägerstand machten wir halt. Der Aufstieg war halsbrecherisch, aber wenigsten war es oben fast trocken.

Ich balancierte grade den Kuchen auf den Knien und ärgerte mich, wie übrigens auf jeder Tour, dass ich kein Schneidbrett hatte. Grad hatte ich zwei fette Scheiben abgeschnitten, als ich merkte, dass Kay-Uwe irgendwo hin spähte.

"Hast du das gehört?", fragte er. Hatte ich nicht. Oder doch? Irgendwas plätscherte und da waren auch Stimmen. Etwas schimmerte hinter den schwarzen Stämmen.

Kay-Uwe legte die Stirn in Falten.

"Warum ist hier ein See?", fragt er.

"Warum nicht?", fragte ich zurück.

"Hier war noch nie ein See."

"Ich war auch noch nie hier."

Die Unterhaltung hätte so weiter gehen können. Aber wir hatten was gesehen. Es war wirklich ein See. Und darin schwamm jemand. Es waren zwei. Und der Stimme nach mussten es Mädchen sein.

Die Unterhaltung war zu Ende. Ich kletterte runter, Kay-Uwe hinterher, und wir gingen leise näher ran. Ich hatte das Bedürfnis, zu schleichen, aber das wäre mir irgendwie peinlich gewesen.

Es waren zwei. Der Mond beleuchtete den See, als wäre er genauso neugierig. Eine hatte kurzes, hellblondes Haar mit einem Stich Kupfer. Ich wußte ziemlich sicher, dass Kay-Uwe die Farbe gut leiden konnte. Die zweite wirkte mit ihren langen schwarzen Haaren wie eine Indianerprinzessin.

Ich wusste nicht so richtig, wo ich hinschauen sollte. Immerhin schwammen das zwei Mädchen rum und sahen nicht so aus, als hätten sie dabei allzuviel an.

"Siehst du das auch?", fragte Kay-Uwe, den sicher ähnliche Gedanken bewegten.

"Aha," murmelte ich abwesend.

Wie lange wir das standen und daran arbeiteten, nicht hinzustarren, weiß ich nicht. Es gibt manchmal wichtigeres, als das Zeitgefühl. Jedenfalls wurde uns irgendwann klar, dass sie uns schon lange bemerkt hatten. Die Blonde winkte uns nämlich zu und schwamm dann hinter ihrer Freundin her.

"Kommt ihr mit rein?", rief sie uns zu. Die Indianerprinzessin war schweigsam, sah aber auch zu uns rüber. Ich war einigermaßen verloren und hätte gar nicht schwimmen können. Ich hatte kein Gefühl mehr in den Beinen.

Mein tapferer Gefährte war schon damals der Typ, der später unbekannten Damen die Hand küssen würde. Er flüsterte mir irgendwas im Mundwinkel zu und starrte dabei weiter grinsend geradeaus.

"Häh?" Er flüsterte nochmal genauso leise und ich hörte besser hin.

"Nymphen! Die ertränken dich beim Baden."

Ok, alles klar. Ich war sofort seiner Meinung. Fantastische und wahrscheinlich tödliche Fabelwesen in Mädchengestalt – damit konnte ich umgehen.

"Wir haben keine Lust zu baden", rief ich. Ich wollte mich wenigsten ein bisschen mit den gefährlichen Damen unterhalten. "Wir haben grad erst Kuchen gegessen. Mit vollem Bauch soll man nicht schwimmen." Der letzte Satz war mir gleich wieder peinlich. Dabei wollte ich nur höflich sein.

Aber die Mädels waren gar nicht eingeschnappt. Im Gegenteil.

"Dann kommen wir eben raus!", entschied die Blonde und beide hielten aufs Ufer zu. Das war erschreckend. Erschreckend und irgendwie interessant.

Zum Glück hielten Sie auf eine andere Stelle am Ufer zu. Da hatten die Nymphen bestimmt ihre Handtücher. Die Fabelwesen-These geriet ins Wanken.

Wir hatten aber wenig Zeit zum Spekulieren. "Oh nein!", schallte es erschrocken durch die Nacht. Das musste die Indianerprinzessin sein. "Der Ring ist weg!"

"Welcher?", hörten wir die zweite fragen.

"Na der Eine. Den Anderen hast du doch noch, oder?"

"Ja, der ist hier. Du hast ihn doch nicht im Wasser verloren?"

"Nein, er lag bei meinen Sachen. Er muss grade runtergefallen sein."

Sie klang schon ein bisschen verzweifelt. Es war ja auch stockfinster. Diesmal war ich schneller. "Wir helfen suchen!", beschloss ich und schnappte mir die Taschenlampe.

Hinter dem Busch atmeten wir erleichtert auf. Sie waren inzwischen tatsächlich angezogen. Zumindest ein bisschen. Wobei ich mich schon fragte, wieso sie barfuß und so angezogen hier unterwegs waren. Aber so klare Gedanken waren schwer zu fassen. Sie waren beide ausgesprochen niedlich.

Nach einem etwas holprigen Hallo boten wir an, suchen zu helfen. Und ich richtete die Taschenlampe wieder züchtig auf den Waldboden.

"Was habt ihr verloren?", fragte Kay-Uwe, der es eigentlich genau wußte. Aber es war ein guter Einstieg. Diesmal antwortete die Indianerprinzessin.

"Mein goldener Ring. Also, jetzt nicht echt aus Gold," verbesserte sich sich und ihre Freundin schaute kurz zu ihr rüber. "Sieht nur so aus."

"Er ist eigentlich ganz billig," bestätigte die Blonde, die sich gerade neben Kay-Uwe durch das Blaubeergestrüpp tastete. "Aber wenn du ihn findest, bist du ein echter Schatz!" Hatte sie das zu Kay-Uwe oder zu mir gesagt?

Jedenfalls war das bis jetzt die interessanteste Nachtwanderung, die wir je gemacht hatten. Kälte, nasse Füße, mulmiges Gefühl – alles vergessen. Der Mond glänzte über den See, von dem immer noch keiner wusste, wie der hierher kam. Und wir krochen mit zwei seltsamen und sehr aufregenden Mädchen über den Waldboden.

Und da geschah es: Meine Hand tastete zwischen Tannenzapfen und nasser Erde. Die Taschenlampe war zu Kay-Uwe gewandert. Und in der Dunkelheit schloss sich meine Hand um ein kleines, kühles Ding. Innerlich frohlockend überlegte ich, ob ich alle laut rufen sollte. Oder mich lieber so ganz cool anschleichen, mit dem Schatz der Indianerprinzessin in der Hosentasche.

Aber die Nacht war mir nicht gewogen.

Plötzlich stand sie hinter mir und zischte mir ins Ohr: "Psst! Versteck dich!" Dann schlich sie überraschend behende über Blätter und Zweige zu ihrer Freundin.

"Er ist schon wieder da!", hörte ich sie sagen. Und sie zeigte zum See. Erst mit einiger Anstrengung bemerkte ich eine schwarze Gestalt, die dort durch die Finsternis schlich. Die Figur war groß und ging gebückt. Immer wieder hielt sie inne, wandte das Gesicht, das unter einer Kapuze verborgen war, mal hierhin, mal dorthin. Und obwohl ich ihn unmöglich hören konnte, war ich sicher, dass er schnüffelte.

Da war die Kälte wieder, diesmal kam sie von innen, aus den Knochen. Ich schaute zu Kay-Uwe rüber, aber der starrte auch nur gebannt auf die Gestalt am Ufer.

Sowas gibt es nur in Büchern, sagte eine beruhigende Stimme in meinem Inneren. Aber sie überzeugte mich nicht. Und fast ohne es zu merken tastete ich nach dem Rucksack, in dem das Brotmesser lag. Ich kriegte aber nur die Kuchentüte zu fassen.

Die zog ich raus und ein Stück vom Schokokuchen fiel raus. Es hatte gar kein Geräusch gemacht, aber die Gestalt hielt inne. Sie schnüffelte noch intensiver. Und schaute direkt in meine Richtung.

"Der Kuchen! Er riecht den Kuchen!", flüsterte Kay-Uwe so laut, wie er sich traute. "Nimm den Kuchen und schleich dort rüber! Mach eine falsche Spur und lass ihn irgendwo liegen! Ich pass auf die b eiden auf."

Der Plan klang gut. Vor allem für ihn. Aber ich fühlte mich nicht in der Stimmung zu diskutieren. Also versuchte ich, mich ebenso geräuschlos in die Büsche zu schlagen, wie die Indianerprinzessin es vorgemacht hatte. Dabei ließ ich kleine Stücke Comtess-Kuchen fallen, wie bei Hänsel und Gretel. Und kam mir ziemlich komisch vor.

Es war wahnsinnig schwer, zu schleichen. Ich machte einen Riesenlärm und blieb schauderhaft lange an den Gebüschen hängen. Dabei wußte ich ganz sicher, dass die Gestalt im schwarzen Mantel näher kam. Ich hielt durch, solange ich konnte. Lange war es nicht. Dann pfiff ich auf die Heimlichkeit und rannte einfach los. Brombeerranken, Zweige ins Gesicht, alles egal.

Mein Lauf durch den Wald kam mir vor, wie ein Film. Irgendwann war ich mir sicher, dass ich schon ewig so gerannt war und auch in alle Ewigkeit weiterrennen würde. Aber immer, wenn ich wagen wollte, mich kurz umzusehen, brach irgendwo hinter mir mein Verfolger durchs Unterholz.

Mich rettete ein Lagerfeuer. Es brannte hoch und weithin leuchtend in der Nacht. Es war mir ganz egal, dass eigentlich kein normaler Mensch nachts im Wald so ein Feuer machte. Normalerweise verfolgten mich nachts auch keine schwarz verhüllten Schleicher durch den Wald.

Wo ich rausgekommen war, erkannte erst, als ich beinahe über die Kante fiel. Ich stand auf einem steilen Steinquader und vor mir ging es einige Meter in die Tiefe. Ich stand auf der Spitze der berühmten Quarksteine.

Auf einem tieferen Steine brannte das Feuer. Darum standen Leute, die auf mich plötzlich keinen so guten Eindruck mehr machten. Sie hatten alle lange Mäntel mit Kapuzen an. Die wären ziemlich cool gewesen, hätte mich nicht genau so einer gerade durch den Wald gescheucht. Aber es war zu spät. Sie schauten zu mir rauf und der älteste von ihnen, ein langer Kerl mit wahnsinnig buschigen Augenbrauen, rief mir zu: "Komm zu uns. Wir haben schon auf die gewartet."

Ich traute mich ans Feuer. Die Gestalten sahen nicht sehr gefährlich aus. Wir ließen die Reste vom Comtess-Kuchen rumgehen. Einer krümelte sich dauernd den langen Bart voll. Und ich hatte das Gefühl, dass ich den Alten schonmal gesehen hatte.

In dieser Runde erfuhr ich schließlich, was es mit dem Ring wirklich auf sich hatte.

"Es ist ein Zauberring!", erklärte mir der Alte bedeutungsschwer und war enttäuscht, weil ich mich gar nicht wunderte.

"Seit die Seeschwestern den Einen und den Anderen Ring erlangt haben, wächst ihre Macht. Nachts verbergen sie sich in den Wäldern. Und am Tage ziehen sie die Menschen dieses Landes in ihren Bann. Bald schon wird es zu spät sein!"

"Na, dann ist ja erstmal alles in Ordnung. Ich hab den Ring hier. Was kann er denn?"

Ein erschrockenes Raunen ging durch die Gruppe. In diesem Moment hastete eine abgerissene Figur aus dem Unterholz. Die Kapuze hatte er abgesetzt und er hatte wirklich eine grotesk große Nase. Überhaupt, was war das für ein faltiger Kerl?

"Da isser ja. So eine Rennerei! Hmpf!" Er grunzte nochmal in meine Richtung, setzte sich und wärmte sich seine krummen Finger am Feuer. Der Alte übernahm wieder das Reden.

"Gebrauche ihn niemals! Dieser Ring ist dir anvertraut, aber er ist gefährlich. Stärkere und Weisere sind seiner Macht erlegen. Du musst ihn vernichten!"

In diesem Augenblick erinnerte ich mich. Ich wusste doch, dass ich ihn von irgendwoher kannte. Am Freitag in der 16 hatte ich bei ihm eine Fahrkarte gekauft. Und er hatte mich genauso grummelig angesehen. Auch der mit dem langen Bart kam mir auch bekannt vor. Der hieß Jürgen und fuhr für Leistner-Reisen. Den kannte mein Vater noch von der Wismut.

"Sag mal, ihr seid nicht zufällig alle Busfahrer, oder?"

Seine buschigen Augenbrauen zogen sich zusammen und er versuchte nochmal, größer und drohender zu wirken. Klappte diesmal nur ein bisschen.

"Nein. Dieser da ist ein echter Kobold." Er zeigte auf den Schnüffler. Das erklärte die Nase und die Falten. "Dann bin ich eben Busfahrer. Na und?" Er klang beleidigt. Dabei hatte ich nichts dagegen, von einer Bruderschaft geheimnisvoller Busfahrer auf eine gefährliche Reise geschickt zu werden. Ist ja auch nichts dabei. In solchen Zeiten, da musste jeder sehen, wo er bleibt. Ich ritt nicht weiter auf dem Thema rum.

Die geheime Bruderschaft erklärte mir noch irgendwas von einer feurigen Kluft oder so, aber ich hörte nur noch mit dem halben Ohr zu. Sie hatten mir auch endlich verraten, was der Ring konnte. Der Eine Ring ließ jeden, der ihn trug, gerade so erscheinen, wie die anderen ihn haben wollten.

Da lag sie vor mir, greifbar auf meiner ausgestreckten Hand: Ich musste nur den Ring überstreifen und alle würden das in mir sehen, was sie von mir erwarteten. Ich fand es ehrlich gesagt nicht so verlockend, die Macht des Ringes zu mißbrauchen. Und ich wußte, dass Kay-Uwe das genauso sehen würde. Aber um ihn machte ich mir Sorgen. Die ganze Zeit hatte er mit den Finsteren Schwestern verbracht. Und wer weiß, welche Kraft der Andere Ring besaß!

 

Das ist der erste Teil der Nachtwanderung. Der Rückweg und das Wiedersehen der Gefährten wird vielleicht irgendwann mal im zweiten Teil der Geschichte erzählt.

 

Vorschläge dazu, was Kay-Uwe bei den Schwestern erlebt und wo der Andere Ring der Macht jetzt sein könnte, nimmt der Erzähler gerne entgegen.

Es ist soweit: Nach mehr als zehn Jahren ist die Erzählwerkstatt fertig!

Und sie ist wunderschön geworden.

 

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