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Geschichten

Esche 17


Esche 17

 

"Mama! Wo sind die Enten?" Hanna kam mit ihrem kleinen Bruder Lasse an der Hand an den Kaffeetisch.

"Die kommen schon wieder. Vielleicht nächstes Jahr. Gebt das Brot doch den Schweinen!"

Erika füllte die Kaffeebecher der Männer auf. Die waren mitten in der Diskussion und hatten keinen Blick für das Schöne um sie herum. Im Gartenprojekt Esche 17 leuchteten Petunien zwischen Giersch, Löwenzahn und Kräuterspiralen aus alten Mauersteinen. Kurz vor der Wende kamen hier noch Feinstrickwaren aus Maschinen, die auf dem letzten Loch pfiffen. Jetzt war der Komposthaufen das einzige, was noch ans Verrotten dachte. Nur blühendes Leben, Gemüse, Schnittlauch, Wiesenblumen.

Unter den Wurzeln am Eschenbach hauste im Vorjahr noch eine Nutriafamilie. Die pelzigen Nagetiere hatte wohl der Fuchs geholt. Wie letztens auch die Hühner. Dafür hatte der Stadtgarten aber einen eigenen, kleinen Schweinestall mit drei zuckersüßen Göttinger Minischweinen.

Die Esche 17 war das Vorzeigeobjekt für modernes Urban Gardening im Leipziger Westen: Ein offener Kulturraum für jedermann, eine unersetzliche Bereicherung für die Nachbarschaft. Und immer bedroht, Opfer der Gentrifizierung zu werden.

 

Vor gut zehn Jahren hatten Erika und Phillip mit zwei befreundeten Pärchen auf der Industriebrache die ersten Beete angelegt und die Schaukel aufgehängt. Zwischen Lindenau und Plagwitz fragte kein Hartzer und kein Punk danach, was hinter den bröckligen Mauern passierte. Damals kamen sie als Pioniere in die Zeitung. Doch inzwischen stiegen die Preise und mit jeder quadratischen Stadtvilla kam ein neuer SUV in die Nachbarschaft. Den Spekulanten wurde der Baugrund knapp.

Phillip zündete sich die achte Zigarette an. Karl gab ihm Feuer und hämmerte mit dem Finger auf eine Zeile aus dem Schreiben der Stadtverwaltung.

"Hier, damit haben sie uns am Arsch. 'Die Verlängerung der Erbpacht ist auf ihre Verträglichkeit mit der Quartiersentwicklung unter Berücksichtigung der Interessen der Allgemeinheit zu prüfen.' Was hier Interesse der Allgemeinheit ist, entscheidet dann so ein koksendes Arschloch im Baudezernat."

Das Thema war heiß. Dieses Jahr müsste die Stadt die Erbpacht verlängern und es gab Gerüchte über einen neuen Flächennutzungsplan, in dem anstelle des Gartens Baugrundstücke aufgeführt waren. Karl hatte Kontakte in die Stadtverwaltung. So waren die Gärtner immerhin gewarnt.

"Ja, was erwartet ihr denn?", fragte Andreas. "Am Kanal sind sie jetzt durch. Neben der Handschuhfabrik ist das halt die letzte Ecke, wo man noch scheißteure Lofts draus machen kann. Ihr glaubt doch nicht, dass die sich das entgehen lassen, nur damit wir unseren Garten behalten können."

Phillip nahm einen tiefen Schluck von seinem Hefeweizen.

"Das kannst du vergessen!" Schon wurde er laut. "Die haben Jahre lang keinen Finger krumm gemacht hier! Das war doch ein Scheißhaus vor uns! Und jetzt wollen die uns den Hühnerstall abreißen, damit sich hier irgendwelche Startup-Pfeifen ihren BMW hinstellen?

Für die hab ich mich nicht mit den Alkis angelegt! Und die Asikinder, als die dachten, die könnten hier randalieren! Für die nicht! In den Arsch schieben können die sich ihren Bebauungsplan."

"Phillip!", rief Erika vom Kräuterbeet. Er war wieder laut geworden. Hanna kletterte schon von der Schaukel und versteckte sich hinter dem Hühnerhaus. Er setzte sich wieder, fuhr sich durch die Haare. Das Kind war sensibel und nahm die Sache nicht leicht. Der Garten war eben ihre Heimat.

Es war anfangs ja gar nicht so einfach gewesen, an das Grundstück zu kommen. Geld spielte eine Rolle. Aber es gibt Dinge, die lassen sich mit Geld allein nicht kaufen. Es braucht auch ein gesundes Selbstbewusstsein und dieses besondere Durchsetzungsvermögen, das Phillip, wie er findet, besonders auszeichnet. Es ist ganz einfach. Wenn zwei was wollen, das es nur einmal gibt, kriegt es immer der, der richtig zupacken kann. Er hatte das schon in der Vorschule klar. Umso trauriger für alle, die es nicht begreifen wollen.

Phillip hat sein Durchsetzungsvermögen schon in der Schulzeit gekonnt genutzt und in vielfältigen Situationen geschult. Heute hat er einen mehr als deutlichen Bauchansatz. Das kühne Lächeln unter blonden Locken, das ihm mit Siebzehn zweimal sehr beim Zupacken geholfen hatte, ist von leicht hängenden Wangen gerahmt. Aber sein Durchsetzungsvermögen ist so stark, wie immer. Wenn nicht noch mehr. Wer dieses gewisse Etwas hat, der hat eben auch einen Garten und viel Platz für die Kinder. Bevor Phillip seine Gedanken zur Evolutionstheorie weiterentwickelt, genießt er das weiche Plopp, als er sich noch ein Bier aufmacht.

In diesem Augenblick trat eine Unbekannte mit einem Mädchen in Hannas Alter an der Hand an den Kaffeetisch.

"Entschuldigen Sie? Ich möchte nicht stören, aber hier ist doch der Stadtgarten Esche 17?"

"Ja," antwortete Karl in seiner gedehnten Art.

"Ich wollte mir das gern mal ansehen. Wir sind erst vor zwei Wochen hergezogen. Und ich hab schon viel von dem Projekt gehört. Vielleicht suchen Sie ja sogar noch Mitstreiter für die Gartenarbeit?"

Die Frau war gertenschlank mit glatten, dunklen Haaren, schick und teuer angezogen. Die Tochter versuchte, sie zu Hannas Schaukel zu ziehen. Phillip warf noch einen Blick auf das Schreiben vor ihm, dann sah er hoch.

"Tja, also Gartenplätze sind alle vergeben. Und wir haben schon so eine Warteliste." Er machte eine weite Geste. Einen Moment lang sagte keiner was. Die Tochter wollte zur Schaukel, aber nicht ohne ihre Mama.

"Na gut. Schade. Ist ja auch verständlich, bei so einem Projekt will sicher jeder mit an Bord. Sowas müsste es ja viel öfter geben."

Die Frau lächelte nochmal in die Runde. Die Männer nickten und Andreas meinte: "Hm. Ja, schon."

"Tja, naja, kann man sich denn mal ein bisschen umsehen?"

Phillips Gedanken waren einen Moment woanders. Dann antwortete er: "Ja, klar. Ist ja ein offener Garten."

Er sah ihr hinterher. Sie trug eine braune Stoffhose, sehr vorteilhaft. Mit der würde er schon gerne mal gärtnern, dachte er. Aber jetzt gab erstmal Wichtigeres. Er drückte die Kippe aus und nahm sich noch eine aus Karls Schachtel. Der gab ihm Feuer und fragte: "Weißt du eigentlich, wer für den neuen Entwurf zuständig ist?"

"Nee, wieso? Macht das denn nicht der Pöhlmann?"

"Der ist doch Frührentner, seit dem Unfall. Der neue Dezernatsleiter ist der Alexander Bieder."

"Das kann doch nicht wahr sein! Der Dünnsch? Wie kommt denn so ein Heini auf so einen Posten? Du verarschst mich doch?"

"Könnt ihr mich mal aufklären", bat Andreas.

Es folgte eine alte Geschichte aus der Schulzeit von Phillip und Andreas. Alexander Bieder, der neue Dezernent für Bau und Stadtentwicklung, den sie beide nur den Dünnsch nannten, war in einer Nachbarklasse gewesen. Etwas komisch war er ja schon immer. Seinen Spitznamen hatte sich dann in der Sechsten auf der Schulfahrt eingefangen, gemeinsam mit einem fiesen Magen-Darm-Virus. Die Story von der Busfahrt wurde an der Schule noch zehn Jahre später erzählt.

"So ein Vollarsch! Von dem kommt der neue Plan? Ist die Scheiße noch zu glauben?"

Phillip schüttelte den Kopf.

"Das macht der doch mit Absicht! Dem trau ich alles zu. Der war schon in der Grundschule so ein Idiot! Weißt du noch, wie der immer rumgelaufen ist? Und wie der mit so mit den Fingernägeln geknackt hat? So eklig. Und dann nie bei irgendwas mitgemacht. Sich immer so abgesondert. Und jetzt machen die einen Typen wie den Dünnsch zum Baudezernent. Es kotzt einen an."

Karl angelte sich noch ein Bier aus der Kiste.

"Echt, Mann. So ein Spacko."

Das Gespräch ging weiter. Es gab viel zu regeln. So ein Garten macht Arbeit. Dringend musste der neue Elektrozaun kommen. Wenn es nach Phillip ging, hatte der Fuchs sich zum letzten Mal an den Hühnern vergriffen.

Das Scheißvieh musste aus dem Gestrüpp hinter dem Bach kommen. Ein Huhn im Jahr, das war ja normal. Sie hatten auch mal einen Marder gehabt, der hatte im Blutrausch alle Hennen gewürgt. Aber sowas? Die Hühner waren nicht nur totgebissen. Die waren einfach weg. Jedes einzelne fortgeschleppt, bis auf eine Henne, die sich in den Schweinestall gerettet hatte, halbtot. Der einzige Zeuge. Phillip musste kurz grinsen. Jetzt wollte Hanna das blöde Huhn auch noch zum Tierarzt schaffen. Echt mal, welcher Fuchs macht sowas?

Gegen acht hatte sich Karl als Letzter verabschiedet. Phillip wollte noch die restlichen Meter Kabel ziehen und dann den Elektrozaun testen. Er hatte ganz schön viel Spannung drauf gelegt. Den anderen hatte er zwar erklärt, das würde alles über Solar gehen. Aber es war ja klar, wenn das Vieh einen ordentlichen Schlag bekommen sollte, dafür musste da richtig Strom drauf.

Er schaltete ein. Das Brummen war unüberhörbar. Aber daran gewöhnt man sich, dachte Phillip. Vielleicht gar nicht so schlecht, damit die Kinder nicht rangehen. Hinter dem Zaun führte eine vergammelte Betonbrücke über den Eschenbach. Er hatte Hanna schon einmal erwischt, wie sie da rüber ins Gestrüpp gehen wollte. Das zog sich dort wer weiß wie weit. Da konnte man als Kind schon verloren gehen.

Drüben saß etwas am Ufer. Fast hätte Phillip das Tier nicht bemerkt, obwohl es gar nicht versuchte, sich zu verstecken. Es war kein Fuchs. Der Körper war kräftiger, gedrungener. Ein helle, spitze Schnauze mit einem schwarzen Streifen. Das musste ein Waschbär sein. Phillip hatte gelesen, dass es die immer öfter in die Städte zog. Sind die jetzt also auch hier angekommen. Na prima. Hanna findet die bestimmt niedlicher, als die ekligen Nutrias mit ihren gelben Zähnen.

Der Waschbär saß immer noch dort. Völlig ungerührt, obwohl er Phillip deutlich sehen konnte. Ohne bestimmten Grund war ihm klar, dass es ein Weibchen sein musste. Das Tier wirkte groß, massig, fast mehr wie ein Hund. Wie groß wurden die eigentlich?

Phillip nahm sich ein Abendbier aus dem Kasten und schaute aus purer Neugier in die Wikipedia. Siebzig Zentimeter Rumpflänge stand da. Ohne Schwanz. Er stellte sich das kurz vor. Heilige Scheiße. Das ist nicht mehr niedlich. Fressen gern Vogeleier und am liebsten den Vogel noch dazu. Das brachte ihn auf eine Idee.

Er biss sich einen Augenblick auf den Lippen herum. Dann stand er mit einem Ruck auf und ging zum Hühnerstall. Die Henne hatte sich in eine Ecke verkrochen und schien zu schlafen. Bestimmt ging es ihr schlecht. Hühner verkraften sowas nicht, dachte Phillip. Die geht ein, definitiv. Wegen sowas noch zum Tierarzt und 'ne satte Rechnung, damit das Vieh zwei oder drei Tage länger leidet und dann doch krepiert? Das muss doch nicht sein.

Er nahm die Henne in die Hand. Sie wehrte sich kaum. Der weiche Körper fühlte sich leicht und seltsam an. Am Bach hatte sich die Waschbärmutter keinen Fingerbreit gerührt. Seltsam, dachte Phillip, aber eigentlich wunderte er sich gar nicht wirklich.

Er holte tief Luft und nahm sich zusammen. Kurz wog er das Gewicht des schlaffen Vogels in der Hand. Dann schleuderte er das Huhn über den Bach. Es kam mit einem komischen Geräusch auf und versuchte, irgendwie auf die Beine zu kommen.

Dann ging alles ganz schnell. Die Waschbärmutter war verschwunden. Kleine, pelzige Kugeln flogen von allen Seiten heran. Kurz durchdrang ein schrilles Kreischen und Quieken die Abendstille. Dann war nichts mehr zu sehen. Das Ufer war wieder ganz leblos. Bis auf ein Federbüschel, das hoch in den Zweigen hing.

Phillip hatte gelesen, dass die Tiere, von Natur aus Einzelgänger, bei gutem Nahrungsangebot in größeren Clans vorkamen, die auch gut zusammen arbeiten konnten. Und er fragte sich, wieviele von denen da drüben im Gestrüpp wohl ihre Nester hatten.

 

Zwei Wochen später war der Begehungstermin. Phillip hatte ihn zweimal verschoben und alles so organisiert, dass er an dem Abend allein im Garten war.

"Ich krieg das hin. Vertraut mir, Leute," hatte er allen erklärt, als sie am Mittwoch den Schweinestall in Ordnung brachten. Der Elektrozaun war in der Nacht zuvor ausgefallen. Wie das passiert war, konnte sich keiner erklären. Phillip sagte nur, er wäre sich ganz sicher, dass der Zaun am Abend noch funktioniert hatte. Es hatte Tina erwischt, die jüngste der drei Säue. Hanna hatte zwei Tage nur geheult. Aber jetzt ging es um mehr, als um ein paar tote Tiere. Es ging um den ganzen Garten.

Vor dem Tor knirschte der Kies. Der Baudezernent fuhr einen schnittigen Volvo. An der mickrigen Erscheinung hatte sich sonst aber nicht viel geändert.

"Hallo Phillip. Lange nicht gesehen." Der Dünnsch streckte Phillip die schmale Hand hin. Dem kam der nette Ton erstmal entgegen. Kein Grund, den anderen gleich spüren zu lassen, was man von ihm hält. Man musste die Sache ja nicht komplizierter machen, als sie schon war.

"Hallo, mh, Alexander." Er war froh, dass ihm der Name noch einfiel, den er seit der sechsten Klasse nicht mehr benutzt hatte. Das selbe Rattengesicht, dachte er. So einer konnte ja nur Beamter werden.

"Na, dann lass uns mal loslegen," schlug der Dezernent mit einer albern lebhaften Geste vor. "Solange wir nochwas sehen. Ich will das gern so schnell wie möglich vom Tisch haben. Und ihr wünscht euch ja sicherlich auch Klarheit in der Sache, oder?"

Es fiel Phillip schwer, auf das Geschwätz nicht gleich die passende Retour zu geben. Stattdessen führte er den Dünnsch durch seinen Garten. Er nahm sich Zeit, erklärte in allen Einzelheiten, warum die Esche 17 als unverzichtbarer Teil der Kultur im Quartier gesehen werden musste.

Phillip wies auf die kleine, überdachte Bühne hin, wo mehr oder weniger regelmäßig Seminare und Debatten für die Anwohner liefen. Die wollten sie jedenfalls wieder ankurbeln, wenn die Sache mit der Verlängerung erstmal erledigt wäre.

Sie besichtigten die Parzellen der Teilnehmer. Im Prinzip der engste Freundeskreis von Phillip, Karl und Andreas. Natürlich waren sie offen für Neue. Nur der Platz war halt begrenzt. Immerhin hatte erst letztens wieder eine Zugezogene mit ihrem Kind den Nachmittag hier verbracht. Später hatte Phillip sich der jungen Frau angenommen und so hatte sie schnell Anschluss gefunden.

"Da habt ihr ja ganz schön was auf die Beine gestellt", kommentierte der Dezernent mit echter Anerkennung.

"Naja, klar," antwortete Phillip. Das Gespräch begann anders, als er es sich vorgestellt hatte. Zeit, einen Gang hoch zu schalten. "Das war natürlich ne enorme Arbeit. Du hast ja keine Ahnung, wie das am Anfang hier aussah. Was wir hier an Zeit und Energie und auch Geld reingesteckt haben. Für so eine Sache muss man schon Opfer bringen."

"Hm. Ich kann mir das schon vorstellen. Ich restauriere seit fünf Jahren so einen kleinen Güterbahnhof. Da sind vier Hektar Land dazu. Ich weiß, was dahinter steckt. Von daher, Respekt."

Sie standen an der Kaffeetafel, mit dem Bierkasten vom Nachmittag daneben. Der Dezernent griff sich eine Flasche.

"Darf ich?"

"Ja. Ja, von mir aus."

"Willst du auch eins?"

Phillip nickte automatisch und ließ sich von seinem ehemaligen Schulkameraden die Flasche aufmachen. Dann standen sie eine Weile nebeneinander und in der Abendruhe. So ein Theater, dachte Phillip. Zeit, den letzten Akt einzuleiten.

"Alexander? Schau mal, ich würde dir gerne noch was zeigen. Komm doch bitte mal mit."

"Worum gehts denn?"

"Das siehst du ja gleich. Jetzt komm doch einfach mal mit runter zum Bach."

Es war dunkel. Er hielt dem Dezernenten eine Taschenlampe hin.

"Ach, was gibt's denn in eurem Garten noch so Geheimnisvolles? Jetzt lass uns erstmal sitzen. Wir haben wirklich viel zu besprechen."

Das war schwieriger, als Phillip es sich ausgemalt hatte. Dann eben anders.

"Du konntest doch früher Tiere immer so gut leiden."

"Nein. Wie kommst du darauf?"

"Wieso? Na, ich dachte nur. Also, jetzt lass uns das einfach mal ansehen. Es dauert ja nicht lange." Er wurde nervös, fuhr sich durch die Haare. "Kommst du nun bitte mal mit runter und gehst kurz über diese Scheißbrücke?"

"Phillip, jetzt komm wieder runter. Es geht hier immerhin um euren Garten. Wir haben jetzt wirklich wichtigeres zu bereden, als uns irgendwas im Gebüsch anzuschauen. Was hat denn das mit der Sache hier zu tun?"

Was sollte der Scheiß? Dieser dürre Typ hatte es tatsächlich drauf, hier so aufzumucken. Dieser Ton, hier in seinem Garten? Das ging ja wohl gar nicht. Phillip platzte der Kragen.

"Ok, Dünnsch! Du gehst jetzt verdammt nochmal da rüber! Ich sag dir, sonst mach ich hier..."

"Ja?”

Der Dezernent schaute ihm in die Augen und nahm noch einen Schluck aus seiner Flasche, bevor er weiter sprach.

“Was machst du? Gibst du mir einen fiesen Spitznamen? Vielleicht glaubst du, ich wüsste nicht mehr, wem ich diesen intellektuellen Dünnschiß zu verdanken habe? Lieber Phillip, weißt du, wie die Leute in der Stadtverwaltung mich nennen, wenn ich nicht da bin?"

Phillip war unwohl unter dem Blick dieser kleinen Augen.

"Keine Ahnung. Woher soll ich das wissen?"

"Ja. Woher sollst du das wissen. Die nennen mich: Dezernatsleiter. Oder Herr Bieder. Manche auch Alexander. Zwei von den Referentinnen nennen mich noch ganz anders. Aber das geht dich einen Scheiß an. Nur den idiotischen Namen, den du grade ausgesprochen hast, hör ich seit dem Abi zum ersten Mal. Und auch in den letzten zwei Jahren in der Oberstufe gab es nur zwei Deppen, die das immer noch witzig fanden. Prost."

Der Dezernent setzte sich an den Kaffeetisch und sah sich im Garten um.

"Phillip, jetzt hör mal zu.", sagte er dann. "Ich hab dich zwanzig Jahre lang für ein beschränktes, arrogantes Arschloch gehalten. Und du mich wahrscheinlich für einen dummen Loser, der sogar zum kacken zu blöd ist. Wollen wir den Scheiß nicht einfach sein lassen?"

Phillips Unterkiefer mahlte so laut, dass er kaum etwas anderes hören konnte, als das schabende Geräusch seiner eigenen Zähne.

"Wie meinst du das?", brachte er noch raus.

"Na, jetzt lass uns doch einfach in deinem verdammt schönen Garten unser Bier trinken. Und dann lass uns überlegen, wie wir die Sache hier lösen können. Und den ganzen Mist von früher, der vergessen wir einfach mal. Den beschissenen Spitznamen, die Sache mit Erika, der ganzen, alten Scheiß."

"Welche Sache mit Erika?"

“Na,...” Der Dezernent hielt kurz inne. "Ich meine, wir waren ja früher auch ziemlich eng befreundet und so. Das ist ja jetzt gar nicht so wichtig. Viel wichtiger ist, dass wir das Thema mit eurem Garten in den Griff bekommen. Ihr habt sicher schon vernommen, was es da im Stadtrat für Ideen gibt?"

Phillip nickte wortlos.

"Ok. Also, der Pöhlmann vor mir, der hätte das Ganze ohne mit der Wimper zu zucken durchgewunken. Da sind schon Dinger gelaufen, da geht dir echt der Hut hoch. Aber liegt die Sache ja zum Glück auf meinem Tisch. Deshalb wollte ich mit euch heute auch erstmal inoffiziell ein bisschen die Möglichkeiten ausloten, wenn du weißt, was ich meine.

So ein Gartenprojekt, das hat ja Potential. Von wegen Interesse der Allgemeinheit. Da lassen sich doch Argumente finden, das zu erhalten. Vom Kulturellen bis zum Artenschutz. Was weiß ich? Vielleicht habt ihr irgendwelche Fledermäuse oder geschützte Rüsselkäfer hier? Ich bin da, um euch die Hand zu reichen. Ihr müsst mir einfach nur die Argumente liefern."

Phillip hatte die ganze Zeit nichts gesagt und auch kaum ein Wort von dem verstanden, was der Dünnsch da redete. Jetzt merkte er, wie dunkel es geworden war. Der Kiefer tat weh. Dann kamen die Worte wie von selbst.

"Artenschutz. Das ist ein gutes Stichwort. Das wollte ich dir ja die ganze Zeit schon zeigen."

"Wie, da drüben, oder was?"

"Ja. Ich glaube, da kriegst du genau das, was du brauchst."

Der Dezernent stellte seine Flasche ab und nahm nun doch die Taschenlampe.

"Na gut. Jetzt hast du mich doch neugierig gemacht. Dann lass uns das Gestrüpp mal näher ansehen."

Phillip ging rüber zum Hühnerstall und legte den Schalter für den Elektrozaun um. Das Brummen erstarb. Seltsam, wie man das Geräusch erst bemerkt, wenn es aufhört. Er öffnete den Zaun und sie betraten die vom Moos glitschige Brücke. Glassplitter knirschten unter ihren Sohlen. Dann ging Phillips Lampe aus.

"Mist. Die Batterien. Ich hab noch ne Lampe im Stall. Bin gleich wieder da. Leuchte schonmal da zwischen den Bäumen. Mal sehen, ob dir was auffällt."

Der Dezernent ging über die Brücke, zwei Schritte auf das Dickicht zu. Der Pfad, wo früher mal ein Weg gewesen war, ließ sich im Dunkel nicht erkennen.

Phillip wusste, wo er hinsehen musste. Im Mondlich ließ sich am Ufer das spitze, weiße Gesicht erahnen. Sie war da. Lautlos schloss er den Zaun hinter sich und schaltete den Strom wieder ein. Er versuchte, nur auf das dumpfe Brummen zu hören. Nicht auf das Kreischen und Quieken. Nicht auf das Geschrei, das nach zwei unendlich langen Minuten aufhörte.

 

Erstaunlich, wie effektiv diese Gruppe ist. Es würde natürlich Fragen geben. Aber was sollte man machen. Wildunfälle sind ja inzwischen an der Tagesordnung. Die Stadt musste bald mal etwas wegen der Waschbären unternehmen.

Es ist soweit: Nach mehr als zehn Jahren ist die Erzählwerkstatt fertig!

Und sie ist wunderschön geworden.

 

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Tinka

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